Entre los Años – die Rauhnächte

Heute noch erfasst mich Grauen, wenn ich an die Geschichten meiner Grosstante Kristina zurückdenke, die sie, schwer an Alzheimer leidend, mir in meiner Kindheit erzählte: die Geschichten der Rauhnächte, in düstersten Farben gemalt, sich mir ins Hirn brennend, mich verstörend, so verstörend, dass ich wünschte, sie nie mehr an Weihnachten, diesem Freudenfest, ertragen zu müssen.

Es bedurfte vieler Jahre und einiger Länder, um zu erfahren, dass es selbst ausserhalb des germanischen Kultkreises solch mythische Nächte gibt, Nächte wie heute, in denen ein Vollmond zwischen zerklüfteten Wolkenfragmenten,  wie Eiskristalle gebildet, schwach leuchtet. Oder  zumindest, wenn man den Taxi-Chauffeuren in und um Puerto Vallarta glauben darf:

Die schwarze Frau

erschien eines späten Dezemberabends vor gut 70 Jahren erstmals mitten in Puerto Vallarta, am heutigen Platz  Parque Hidalgo.  Der Taxler hoffte nach einem langen Tag, endlich Dienstschluss zu haben, als eine schlanke, ganz in Schwarz verhüllte Frauengestalt am Parque Hidalgo ihm zuwinkte. Sie sei gross gewachsen, sehr schlank, gewesen, so berichtete er später. Auch ihr schwarzes, bodenlanges Kleid und ihr schwarzer Kopfschleier, der ihr Gesicht bedeckte, liessen ihn nur  erahnen, dass sie eine schöne Frau sein müsste. Und so hielt er neben ihr an, liess sie einsteigen.

„Zum neuen pantéon“ so habe sie ihm ihr Fahrtziel angegeben. Verwundert war er wohl, denn was wollte eine schöne Frau kurz vor Mitternacht auf dem neuen Friedhof! Kaum sass die schwarze Frau auf der Rückbank, vernahm der Taxifahrer einen aufreizenden Duft nach Lilien. Er war neugierig. Wollte einen Blick auf dieses Wesen erhaschen, konnte sie aber im Rückspiegel nicht sehen.  Auch wenn er den Kopf wendete, er sah sie nicht, nahm nur ihren Duft wahr. So fragte er sie, warum sie denn zu solch später Stunde zum Friedhof wollte. Ihre Antwort war: „Ich gehe zurück in mein Haus. Ich besuchte nur meinen Mann, wie so oft, aber ich kann ihn nicht finden“.

Am neuen Friedhof angekommen, wollte ihr der Chauffeur die Türe öffnen, vielleicht noch einen Blick auf sie erhaschen. Auf der Rückbank sass sie jedoch nicht mehr, die Türe war noch geschlossen. Zurück blieb ein erschütterter Taxifahrer, der später berichtete, der Lilienduft der Hinfahrt im Taxi habe sich auf der Rückfahrt  in einen  modrigen Leichengestank verwandelt.

La Mujer del Parque Hidalgo

Wie weit diese Geschichte den Tatsachen entspricht, vermag  der Taxichauffeur nicht mehr zu sagen, einige wenige Taxler erzählen sie aber noch heute, angeblich aus eigener Erfahrung. Um den heutigen Parque Hidalgo jedoch, gab es in der Gründungszeit des Ortes Las Peñas (heute Puerto Vallarta) einen Friedhof. Als die Stadt wuchs, wurden die Gebeine dieses Pantéons umgebettet, man vermutet allerdings, die Umbettung aller Toten sei nicht erfolgt. Ausserdem sei dieser Platz bereits eine Begräbnisstätte der früheren indigenen Stämme in der Bucht um Xiutla gewesen.

 

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20 Kommentare zu “Entre los Años – die Rauhnächte

    • Vielen Dank für’s Rebloggen, verehrtes Kabinett! Habe schon gesehen, dass Ihr eine beeindruckende Rauhnächte-Geschichten-Sammlung veröffentlich habt!
      Beste Grüsse und Wünsche für das Neue Jahr!

  1. Eine wunderbare Geschichte, liebe Vallartina, sie passt in die Raunächtezeit, die bis zum 5.1.13 dauern, wunderbar hinein. Denn die Seelen der Toten haben ja in dieser Zeit Ausgang. Diese Geschichte gefällt mir ausserordentlich gut. Und auch das Bild der Schönen mystischen Frau, die zum neuen Pantéon wollte, passt. Vielen Dank.

    • In diesen Nächten soll es sehr gespenstisch zu gehen, so sagen viele Legenden. Ich will aber eigentlich keine solchen Begegnungen haben!
      Beste Grüsse und alles Gute und Schöne für’s Neue Jahr!

  2. kribbelige Geschichte. Das ist übrigens ein sehr schönes Bild. In Verbindung mit der Geschichte erscheint es mir als wäre scharz in unendlich vielen Variationen eingeflossen. Sehr schön. Ein gutes Jahr 2013 mit vielen neuen Geschichten und Bildern wünscht Leo

    • Ich weiss, Mathilda. Aber leider wurde die schwarze Frau nie fotografiert oder gar portraitiert. So blieb mir nur die Frau mit den alcatrazes…
      Mach’s gut, kommt schwungvoll und fröhlich ins Neue Jahr!

  3. also dafür muss man ein feines feeling haben, der taxler wird sich erst einmal mit tequila beruhigt haben, bin die ganze zeit am grübeln, wo ist der parque hidalgo, vor der guadelupe kirche?
    wie dem auch sei, wenn ich die vielen gringos, snowbirds etc , hier in pv sehe,,die sind davon nicht berührt, da heisst es nur party im anderle oder discos etc.
    ist auch besser so.

  4. Hier gibt es die Geschichte von dem jungen Studenten, der auf der Autobahn von Salzburg nach München fuhr, und an einer Tankstelle einen Anhalter auflas, einen faszinierenden Mann, der, obwohl die Beiden sich noch nie zuvor begegnet waren, im Gespräch offenbarte, dass er über sämtliche Details im Leben des Studiosus‘ Bescheid wusste. Dem Burschen wurde ganz mulmig zumute. Nach einer Weile musste er in den Außenspiegel schauen. Als er sich wieder dem sonderbaren Fremden zuwandte, war dieser verschwunden…
    Der Student ist mittlerweile gut situierter Familienvater, in den Vierzigern stehend. Auf diese Episode angesprochen beschwört er immer noch Stein und Bein, dass sie sich genau so zugetragen habe, dass er weder Alkohol getrunken noch irgendwelche andere Drogen oder bewusstseinsverändernde Medikamente zu sich genommen hatte…
    Ich wünsche dir und deinen Lieben einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

  5. Es gibt viele solcher Geschichten und in manchen steckt ein Körnchen Wahrheit. Ich mag sie gerne lesen, aber nicht selber erleben.
    Aber Kinder sollten nur schöne freudvolle Geschichten erzählt bekommen.
    Liebe Grüße
    Gabi

    • Finde auch, dass man Kindern gegenüber bei „verarbeitbaren“ Geschichten bleiben sollte. Die gute alte Tant‘ wuchs wohl selbst mit solch verqueren Drohmärchen auf…
      Alles Liebe und Gute für das Neue Jahr!

  6. Ich denke schon, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als was der „normale“ Mensch begreifen kann. – Haben deine Eltern es nicht bemerkt, wie du dich vor der Tante und ihren Geschichten gefürchtet hast?

    • Ach, liebe Clara, die alte Grosstante fiel sicherlich ihrer Alzheimer-Krankheit anheim und erinnerte sich an all das, was in ihrer frühesten Kindheit so passierte, aber nicht mehr an den tag zuvor. Heute weiss ich das, als Kind jagte sie mir aber bisweilen schon Schauer über den Rücken!
      Liebe Clara, wünsche dir einen schwungvollen Start ins Neue Jahr hinein, verbunden mit ganz lieben Genesungswünschen an Deine Frau Mama!
      Saludos!!!

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