Pedrito by Vallartina

Pedrito

oder die Unendlichkeit der Maske

Mehrmals am Tag schallt ¡Pedroooo! über die Rasenfläche, die Einfassungshecke,  das Wort schlittert, nein,  manchmal kreischt es die Strasse entlang.

¡voy! So leise, so unakzentuiert, so emotionslos kommt die Antwort. Immer. Egal, wann und wo !Pedritooooo! sein Ohr erreicht. Manchmal drei Strassen weiter. Manchmal durchdringt es das scharfe Geräusch des Wassers aus dem Gartenschlauch. Manchmal übertönt es gar den aufheulenden Motorlärm des Sichelmähers vom anderen Pedro, dem Gärtner. Manchmal trägt es der Wind an sein Ohr, wenn er auf einer wackeligen, allen Sicherheitsvorschriften spottenden Trittleiter weit über Kopf mit einer  langen Stange auf der eine Farbwalze mit Klebestreifen angebunden ist, die Hauswand mit frischer Farbe  verschönt. Aber immer ist Pedro, el Pedrito, in Hörweite. Und immer sagt er ohne jede Regung, ohne jegliche Veränderung seiner Körpersprache ¡voy!, ich komme!

Pedritos Gesichtsausdruck ist immer gleich. Bei Malerarbeiten, beim Rasenmähen, beim Nachfüllen von Bier und Sekt  im Pool-Kühlschrank während la Señora mit einem halben Dutzend Freundinnen im Pool feiert, schäkert und sich  räkelt . Immer gleich.  Auch wenn er Kartons mit Tequila, oder Kartons mit Rinderfilet, Schweinebauch, Kuchen oder Gemüse aus dem Kofferraum ins Haus trägt, Fussmatten des Jeeps ausstaubt, Rasen schneidet oder Hecken stutzt oder ausgebrochene Steinpflaster erneuert. ¡voy!

Jede ihm aufgetragene Arbeit, jede wichtige oder sinnlose Besorgung, Pedrito verzieht keine Miene. Pedrito wienert den SUV seines Herren, während der bereits am Steuer Platz genommen und seine Gebetslitaneien und Ave Marías liest. Erst wenn der Don den Motor startet, hört Pedrito auf zu wienern, tritt einen Schritt zurück und der Don fährt los. Pedrito dreht sich um, wischt die Garageneinfahrt nass durch und wartet bis bald die Doña vom Pilates zurück kommt. Auch ihr Jeep will täglich poliert werden.

Nie sagt er ¡Sí, Señor!. Nie sagt er ¡Sí, Señora!.

Und nie zeigt er eine Emotion auf seinem Gesicht.

Aber auf Pedrito ist Verlass. Egal, was er denkt, fühlt, wünscht, erhofft…..Pedrito by Vallartina

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26 Kommentare zu “Pedrito

  1. Mir bleibt nur eine Frage: Was tun wenn Pedrito eines Tages nicht mehr beim Don und Gattin auftaucht? Wer macht dann die Arbeit?

  2. Schön , wenn man einen „Pedrito“ hat , auf den man sich auch verlassen kann !
    „Unser“ hat lediglich einen anderen Namen , er heißt Edgar .:)

    Liebe Grüße von der Insel….

  3. Solche Dons und Donas mit ihren „Pedritos“ haben wir hier auch zu genuege. Fuer uns Europaeer ist das in der Tat etwas verstoerend, und ich habe festgestellt, dass v.a. gutsituierte Mexikaner, gerade Emporkoemmlinge, ihre Landsleute von oben herab behandeln. Auf norddeutsch wuerden wir sagen: „Wenn Schiet wat ward.“ = „Wenn Sch*** was wird.“
    Ich schliesse mich Mathilda an: Haeufig sind diese Menschen gar nicht ungluecklich, weil sie zu Hause eine sehr froehliche Familie haben. Wollen wir das fuer Pedrito hoffen!

  4. Vielleicht würde man erschrecken, wüsste man, was hinter Pedrito’s undurchdringlicher Mimik vor sich geht, vielleicht würde es uns sehr traurig machen. Oder aber erstaunen lassen. Vielleicht verbirgt sich hinter Pedrito’s ewig gleichem Minenspiel ein Genie, ein Träumer, ein Philosoph? Vielleicht lebt er so sehr in seiner eigenen kleinen Welt, dass er es nicht mehr nötig hat, der äußeren anders als stoisch zu begegnen? Vielleicht denkt er untertags über die klugen Bücher kluger Menschen nach, die er nach Feierabend liest? Vielleicht zählt er in seinem Herzen unzählbare, wundervolle Sterne?… Hach, ich hör‘ jetzt auf, meine Phantasie macht schon wieder wilde Galoppsprünge…

    • Von TCB reichte mir das verschachtelt ausgestopfte Kamel mitsamt seinen verschachtelten Personen und Handlungsorten (Water Music). Aber evtl. sollte ich mal über „America“ nachschlagen. Kannst Du es empfehlen?

      • TCB hat so Höhen und Tiefen. America ist definitiv eine Höhe, auch nicht verschachtelt. Es geht um illegale mexikanische Menschen in Kalifornien. Eines der sehr sehr guten Bücher von ihm.

  5. er hat wünsche und träume, gefühle wie wir alle. aber er mußte lernen, sie zu verstecken, sonst hungen seine kinder oder er bekommt vielleicht keine schläge mehr, aber böse worte, beleidigungen, er wird entlassen…. also schluckt er alles und denkt sich seinen teil, bestimmt!

  6. ein tip für den „Don“, in juntas predigt padre hipolito, ist einfach phantastich, dem volk auf’s maul geschaut. obendrein ist der padre ,einer der interessantesten figuren für mich in der bahia,

  7. ich kenne 2 personen dieser art in mexico, bei meinen nachbarn am arbeiten.
    von der europäischen denkweise herkommend, kann ich es nicht begreifen( zukunftsperpesktiven etc..), aber ich habe gelernt das sie glücklich sind,so wie sie leben.
    vielleicht ist mein(unser) ansatz falsch, der auf erfolg etc. ausgerichtet ist.
    man kann auch mit wenig glücklich sein, habe ich hier gelernt.

    • Kann man sicher. Aber unsere Zeit bringt zu viel Informationen, Animationen, Verführungen und falsche Bilder der Realität in jedes Wohnzimmer, da kommen schon Wünsche nach mehr auf.

  8. DAs finde ich auch – aber es ist wohl das Schicksal der Dienstboten. Man hat ja mal gesagt: „Der beste ‚Butler‘ ist ein verschwiegener ‚Butler'“ – Butler passt hier nicht richtig. Vielleicht ist Pedro auf seine Art glücklicher als die in ihren Jeeps.
    LG von Clara

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