Die Tecoxquines von Alta Vista

“Manchmal erscheinen sie an den alten Heiligen Stätten, dort wo unsere Vorfahren den Ritualen des Schamanen folgte, wo sie Opfergaben für unsere Götter brachten und den Tamoanchan verehrten, dort erscheinen die Weissen Indianer, vom Berg herab gestiegen um unsere alten Götter zu ehren“

 

So erzählt man noch heute unter den Mestizen in kleinen Orten an den Hängen der Sierra Occidental, im Süden Nayarits, von den Tecoxquin und ihren Stammesnachbarn, den Huicholes und Cora-Indianern.

An den Abhängen des Copo Vulkans zogen sich ihre kleinen Siedlungen am Las Piletas Flusslauf entlang, umgeben von dichter dschungelartiger Vegetation. Ihre Dörfer waren schwer zugänglich, in den Regenmonaten oft gänzlich abgeschnitten. Sie waren kein kriegerischer Stamm, die Tecoxquin, auch wenn ihr Nahua-Name bedeutet „Gurgel/Kehle durchschneiden“.  Sie waren Fischer, bauten Tabak an, gewannen Salz in den Lagunen und sie waren geschickte Händler für ihre Produkte wie z.B. Kakao.

Aber es gab Jahre der schlechten Ernten, Jahre, in denen der Fluss ihre Siedlung zerstörte, Jahre des übermässigen Regens oder auch der Trockenheit. In solchen Zeiten flehte der Schamane die Götter an, opferte Kultgegenstände und in besonders harten Zeiten musste den Göttern auch Menschenblut geopfert werden.

Die „Guerra florida“, der Blumenkrieg, gehörte zu ihren religiösen Praktiken. Sie zogen gegen andere Stämme, nicht um deren Land zu erobern, sondern andere Krieger gefangen zu nehmen. Diesen schnitt man die Köpfe ab und brachte sie den Göttern zum Opfer.

Tabak, Wildkräuter und Pilze wurden vom Schamanen aufbereitet, er wusste, wo sie zu finden waren und wie sie zubereitet werden mussten, um ihm für seine velada, sein geheimnisvolles Ritual zum Anruf der Götter, die berauschende Wirkung zu geben, um direkt mit den Göttern sprechen zu können. Ihre Gottheiten waren in Stein verewigt: Spiralen, Kreuze, Abbilder und Symbole für Götter der Fruchtbarkeit, für Regen. Der Tamoanchan, der kosmische, mystische Baum war auch für sie die Macht, welche den Lauf des Lebens regelt und mit der Unter- und der Oberirdischen Welt verbindet. Seine Wurzeln tief in der Erde reichten bis zu den Göttern des Wassers und der Fruchtbarkeit, den Chanes, im Tlalocan, dem Wasserparadies, wo auch das mystische Krokodil Cipactli lebte, das Erdmonster, welches die Fruchtbarkeit symbolisierte. Der Stamm symbolisierte die Menschen, die Baumkrone die Obere Welt, das Königreich der Götter des Regens. Noch heute wird der Ceiba-Baum als Verkörperung des Tamoanchan angesehen.

In ihrem Stammesgebiet, der heute als Alta Vista bekannten Gegend, gravierten sie grosse Felsbrocken und Steinquadern mit Spiralen, welligen Linien und anderen Symbolen als Zeichen, Botschaften für ihre Götter. Bis heute konnten diese Steingravuren nicht entschüsselt werden, aber es wird vermutet, dass es sich um Symbole für Regen, Wind, Sonne handelt, oder, wie bei den Schlangengravuren um das Symbol der wechselnden Jahreszeiten.

Die spanischen Konquistadoren fanden um 1520  das Gebiet der Tecoxquines. Sie brachten Krankheiten, Epidemien und Zwangsarbeit, das Ende der Tecoxquines war besiegelt. Und sie brachten die christliche Religion zu den Indio-Stämmen. Einige Steine zeigten ein Kreuzzeichen, für die Tecoxquines ist dies das Symbol, oder eine Karte des Kosmos: es zeigt auf die vier Kardinalpunkte der Welt und auf deren Zentrum, jeder Punkt verbunden mit bestimmten Gottheiten, mit Farben und heiligen Königreichen. Für die Padres jedoch waren diese Kreuze ein eindeutiges Zeichen für die Präsenz von Gott und sie berichteten von einem ergebenen Christen, den die Menschen dort zutiefst verehrten. Möglicherweise bezieht sich dieser Bericht eines Paters aus dem Jahre 1612 auf die Steingravur des „Maismannes“. Im Laufe der Jahre wurde aus dieser Auffassung jedoch die Legende, der Apostel Matthäus habe bereits in pre-hispanischer Zeit die Neue Welt bereist und die Eingeborenen bekehrt.

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9 Kommentare zu “Die Tecoxquines von Alta Vista

  1. Interessant wie schnell Menschen von einem „fremden“ Glauben überzeugt werden können. Die Kirche hat schon viel Gutes geschaffen und Zivilisation in die Kultur gebracht *hüstel* Wie gut, dass die zivile Welt immer weiß, was gut für andere ist. Danke dir fürs Mitnehmen in diese „fremde“ Welt.

  2. Liebe Vallartina, das ist mal wieder einer der Artikel, wie ich sie so gerne mag, ein Anreiz auch, sich profunder mit diesen Kulturen auseinanderzusetzen. Was ich immer interessant finde ist, wie Riten und Weltbilder in Nachfolgereligionen integriert werden. Das Foto mit den Federn und dem Plastikbecher: Es scheint noch etwas lebendig zu sein.

    • Diese punto de mita lebt noch, ja. Huicholes kommen noch heute dorthin um ihre Zeremonien, Traditionen aufrecht zu erhalten.
      Schön, dass Dich das Thema interessiert, da dürfte die nachfolgende Leseempfehlung „Predigen an wüsten Küsten“, ein Essay von Brigitte Kramer, noch interessanter für Dich sein.
      LG

  3. Vallartina, ich verstehe zwar nicht so viel von den Steinen und den Inschriften, aber es sind wunderschöne Fotos, die du uns da zeigst.
    Ich bin mir immer nicht im klaren, ob der Götterglaube gleich welcher Art mehr Gutes oder mehr Schlechtes über die Menschen gebracht hat.
    Liebe mitternächtliche Grüße aus Berlin von Clara

    • Jeder Glaube für sich hat etwas Aufbauendes für die Menschen die darin verhaftet sind. Eigentlich ist dieser Artikel nur eine Einleitung, ein Hinweis auf die folgende Lese-Empfehlung für einen ausgezeichnet recherchierten Essay von Brigitte Kramer, die in Ihrem Blog immer wieder für mich sehr spannende, sehr fundierte Essays und Berichte aus Spanien veröffentlicht.
      LG

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