Chocolate Cars oder Das Eldorado der Schrotthändler

Täglich sieht man sie auf Mexikos Strassen, diese klapprigen, verrosteten, scheppernden und stinkenden Gefährte, die man eigentlich gar nicht mehr als Auto bezeichnen kann: Schrottreife Fahrzeuge, die allen physikalischen Gesetzen spotten, bei deren Anblick man todsichere Wetten abschliessen möchte, sie fielen beim nächsten Schlagloch glatt auseinander. Immer wieder verblüfft die Tatsache, dass nicht wenige dieser Klapperkisten mit einem US- oder Kanadischem Kennzeichen darhergerumpelt kommen. Und oft habe ich mich gefragt, wann und wie diese Kisten ins Land kamen.

Ein etwas zurückliegender Bericht im „The Mazatlan Messenger“ von Murry Page klärte mich detailliert auf.

‚Coches chocolate‘ oder ‚Chocolate Cars‘, so harmlos werden diese umweltverpestenden, und keineswegs im Strassen-Verkehr harmlosen, Schrottautos genannt. Der Begriff wurde Tom Hanks  alias Forest Gumpp entliehen: „das Leben ist wie eine Schachtel Schokolade – du weisst nie was drin ist!“ Schrotthändler kaufen diese Fahrzeuge um die 500 bis 600 US-Dollar, richten sie optisch etwas her und verkaufen sie um rund 1.500 USDollar in den Export nach Mexiko weiter. Keine Fahrzeugpapiere, keine reguläre Einfuhrlizenz, keine technische Prüfung. Und ich schätze, auch in Mexiko bekommt man keine Kfz-Versicherung für ein nicht zugelassenes Auto.

Die AMDA (Vereinigung der mexikanischen Fahrzeug Verteilzentren) schätzt, dass allein im Jahr 2011 um die 700.000 Fahrzeuge von den USA nach Mexiko verbracht wurden. Ebenso berichtet die AMDA, dass während der vergangenen 6 Jahre ca. 7 Millionen Gebrauchtfahrzeuge nach Mexiko eingeführt wurden. Das heisst, mehr als 3000 Fahrzeuge tagtäglich in den letzten sechs Jahren.

Die Zahl verblüfft, denn Mexiko hatte während der vergangenen Jahre einen strikten Einfuhrstopp auf Gebrauchtfahrzeuge. Es gab natürlich Ausnahmen. Z.B. war die Einfuhr eines US-Gebrauchtwagens zulässig, wenn dies im Zuge eines Geschäftsvertrages in Mexiko erfolgte. Auch Residenten innerhalb des Staatsgebietes, der Freihandelszone der Baja California, Baja California Süd und einige Gebiete Sonoras konnten Fahrzeuge einführen, die 4 bis 15 Jahre älter als das laufende Modelljahr waren.

Die Import-Restriktionen wurden offensichtlich reichlich ignoriert, die importierten Gebrauchtwagen wurden, gesetzeswidrig, weiterverkauft, auch in andere Landesteile, ohne jegliche Dokumentation, ohne Registrierung, ohne Fahrzeugpapiere. Man sparte sich somit das Geld für die Zulassung, Fahrerlaubnis, Steuern und Versicherung. In solchen Fällen sieht das Mexikanische Gesetz die Konfizierung des Fahrzeuges vor.

Bei der schieren Anzahl der illegal fahrenden Schrottkisten war und ist die Ordnungsgewalt wohl überfordert. Immer wieder gab es Angebote der „Amnestie“ für geschmuggelte Autos. Im Jahr 2005 wurde in einem neuem Erlass die Einfuhr von 10 bis 15 Jahre alten Fahrzeugen aus USA und Kanada geregelt und zugelassen, um den Mexikanern „Zugang zu günstigen Fahrzeugen“ zu geben. Steuersenkungen um 40 % und Amnestie für geschätzte 1 Mio Fahrzeuge wurden angeboten, begrenzt jedoch bis Ende 2008 – dem Inkrafttreten einer NAFTA-Reglung für den Import von Gebrauchten Autos nach Mexiko.

Lt. Berichten trafen im Jahr 2005 die Export-Kriterien für Altfahrzeuge nach Mexiko auf rund 1oo Millionen US- Autos zu und 1,5 Millionen dieser Fahrzeuge seien damals von den USA nach Mexiko exportiert worden.

Im März 2008 erliess Präsident Calderón ein neues Dekret, welches der Tatsache Rechnung trug, dass viele der importierten Fahrzeuge weder in den USA noch in Kanada hergestellt worden waren. Das neue Dekret forderte, dass 62,5 % der Fahrzeugteile in einem NAFTA-Staat hergestellt sein mussten, ebenso, dass ein Import-Modell genau 10 Jahre alt sein musste.

Im Jahre 2011 wiederum, gab es eine Neuregelung: Jedes in den USA oder Kanada hergestellte Fahrzeug konnte zollfrei nach Mexiko importiert werden, solange es nur jünger als 8 Jahre war, für ältere Autos mussten Zoll und Einfuhrumsatzsteuer bezahlt werden, z.B. 50 % Zoll auf 10 Jahre oder ältere Fahrzeuge.  Die Regulierungen der NAFTA aus dem Jahr 2009 sahen eine schrittweise Lockerung des Einfuhralters von Fahrzeugen vor, sodass Mexiko praktisch im Jahre 2019 keinerlei Restriktionen mehr auf die Einfuhr ausüben dürfte.

Diese Altfahrzeuge haben wesentlich zur Umweltverschmutzung in Mexiko beigetragen. Der Gebrauchtwagenmarkt in Mexiko ist beträchtlich, jedoch vermelden die mexikanischen ANCA-lizensierten Autohändler (Nationaler Verband der Autohändler in Mexiko) einen Absatz von lediglich 155000 Fahrzeugen im Jahr 2011 – verglichen mit den 700.000 Import-Autos aus o.a. Importen und Privat-Verkäufen ist das wenig, die Marge liegt bei 1 : 5.

Die Zollbehörden versuchen nun, dass Dilemma der Umweltschädigung durch diese Schrott-Fahrzeuge in den Griff zu bekommen: Seit November 2011 müssen alle Import-Fahrzeuge einen Emissions-Test in einem der 4 US-Grenzstaaten zu Mexiko, welcher nicht älter als 6 Monate zurückdatieren darf,  bestanden haben.

Advertisements

8 Kommentare zu “Chocolate Cars oder Das Eldorado der Schrotthändler

  1. Klingt etwas wie auf Cuba. Dort fahren nur alte, fast über 50 Jahre alte Amischlitten herum. Täglich wird an denen herummontiert und man fragt sich wie lange sie noch fahren. Da es sehr wenige Autos auf Cuba gibt haben sie auch kein Problem mit den Abgasen, selbst in Havanna City erlebte ich eine der saubersten Luft in einer Grosstadt.

    • Auf Cuba richten die Leute aber ihre Oldtimer liebevoll her! Ich habe mich wirklich gefragt, wo sie denn Ersatzteile herbekommen, aber deren Einfallsreichtum ist genial!
      LG

  2. also der berühmte abgas test in mexico,(puebla) muss alle 6 monate gemacht werden, wenn man den termin verpasst gibt es eine multa(strafe), ca.900 pesos war es beim letzten mal, wenn man den aber x-mal verpasst kostet es genau soviel, das ist zwar schwer verständliche logik. und ich habe gelernt das dieser test auch in jalisco gemacht werden muss, ich glaube das ist generell mexico,df sowieso.
    apropo schrott export, da ist von deutschland aus, permanent autofähren mit schrott ,die fahrzeuge können z.t. garnicht mehr angelassen werden, in richtung zentralafrika unterwegs, das gleiche läuft von japan aus in richtung russland

  3. Es spricht aber schon für die Findigkeit der mexikanischen Automechaniker! Hier in Deutschland wäre ja gar niemand in der Lage, die Schrottkisten am Laufen zu halten.

  4. Das liest sich ja sehr interessant! Hier in MexCity sieht man solche ‚Schrottkisten‘ auch, aber eher selten. Im Gegenteil, mir fällt auf dass hier wesentlich mehr neuere Autos gefahren werden, als zum Beispiel in Berlin. Die SUV’s sind hier übermächtig, das kann ich auch verstehen bei diesem Traffic hier. Allerdings ist das in Berlin nicht viel anders, nur dass dort die Anschaffung eines SUV’s richtig viel Geld kostet.

    • SUV’s sind auch hier sehr beliebt. Während Du – und bitte bleib dort in guter Nachbarschaft – überwiegend in der Condesa oder im D.F. unterwegs bist, wirst Du auch kaum solche Vehikels finden. In MexCity gibt es ziemlich rigide Vorschriften bezüglich Abgas-Ausstoss. Ergo wirst Du dort solche Stinker kaum finden. Dies sieht in ländlichen Gegenden, in anderen mexikanischen Bundesländern ganz anders aus.
      Worum es mir bei diesem Artikel insbesondere geht, ist die Tatsache des Schrott-Exports. Sensibel auf dieses Thema zu reagieren lernte ich, als ich vor wenigen Jahren erstmals durch Trash-City, das Müll-Sammlerviertel Kairos, Ägytpen, fuhr. Für mich war es bis dato schlicht unvorstellbar, dass man sich ein Leben im mindestens 7. !!! Stockwerk eines Gebäudes leisten können musste, um seine Ziege auf dem Balkon oberhalb des für China bestimmten Recycling-Müllberges am Leben halten zu können!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s