Ansichtssache

Flor de Ojos by EKOATL

Mit traurigenAugen schaute sie auf  ihre Bougainvillee. Tagelang hatte sie gegraben, gepflanzt, gewässert und nun steht schon der dritte Busch blattleer, trostlos, erbärmlich da. Sie dreht sich um, blickt auf die Terrasse ihres neuen Heimes in diesem neuen Land, das  mit so vielen  Hoffnungen sie und ihr Mann bezogen hatten.

Drei lange Monate schrubbten und putzten sie. Die grösste Sommerhitze hielt sie nicht davon ab alle Wände im Haus zu streichen. Farbig, fröhlich sollte ihr neues Heim sein. Mexikanisch, eben. Mit einem tropischen Touch. Sonnige Gelb-Orange-Töne im Wohnzimmer, beruhigendes Violett  im Schlafzimmer, inspirierendes Grün in der künftigen Bibliothek und ein tiefes, sattes Rot in der Eingangshalle.

Sie durchstöberten beharrlich  alle kleinen Läden für Kunsthandwerkliches und Krempel und Kitsch im gesamten Umkreis. Bald schon zierten im  wöchentlichen Turnus Olmeken-Tonmasken und Agaven aus rostigem Blech die Frontfassade und folkloristische, bunte Blumenkübel die Terrasse als Ergänzung zu den typischen braunen Equipales-Stühlen aus Agavenholz und Schweinsleder.

Von ihren Ausflügen in die Sierra brachten sie knorrige Wurzelstöcke und grosse runde Flusssteine mit, die den Vorgarten zwischen Aloen und Agaven  mexikanisieren sollten. Er und sie inspizierten und diskutierten und arrangierten aufgeregt und angeregt und endlos.

Und dann war es so weit! Ihr altes Leben wurde in einem 40-Fuss-Container angeliefert.

Es kamen Wochen des Auspackens, der kleinen  entzückten Schreie, der hektischen Betriebsamkeit. Sie lief mit geröteten Bäckchen und glänzenden Augen durch und um das Haus, stellte Dinge hierhin nur um sie am nächsten Tag wieder dorthin zu plazieren. In der Einfahrt stapelten sich geleerte Umzugskartons und Packpapier. Im Haus wurde gebohrt, genagelt, abstrakte Bilder  und Lithografien aufgehängt, Bohrlöcher wieder vergipst und neue Dübel gesetzt. Die sonnigen Farbtöne des Wohnzimmers wurden mit einem dunklen Rot überstrichen, ein goldfarbig lackierter ‚Louis-Quince‘-Sekretär verschönte nun die mit brasilianischem Schiefer verkleidete Wand und ein schneeweisses Sofaset dominiert den Raum. Die ursprünglich schwarz lackierten Küchenschränke verschönerten einige Spraydosen mit „Stonetouch“. Eine enorme Glasplatte balanciert auf geschmiedeten, weiss lackierten Pflanzenranken, umrandet von passenden geschmiedeten Esszimmerstühlen mit mannshohen extrem geraden Rückenlehnen. Die Eingangshalle strahlt nun im OP-Weiss. Olmekenmasken wichen venezianischen Masken. Die Equipales-Sessel der Terrasse unterlagen einem Stehtisch mit Barhockern aus Vierkant-Eisen, geflext und silbern gestrichen und die bunt-folkloristischen Blumenkübel stehen vergessen leer in einer Ecke des Gartens, sie mussten Platz machen für hochglanzschwarze und schimmernde silberfarbige Pötte die mit „Schwiegermutterzungen“ beplanzt wurden, und die Wurzelstöcke landeten in der Tonne. Nur die Umzugskartons und das Packpapier nicht!

Die Terrasse erstrahlt nun abends in hellstem Weisslicht und als das alte Leben sie endlich wieder gefunden hatte, genehmigte sich der stolze Hausherr einen feinen französischen Cognac und schmetterte aus vollstem Herzen: Vive la Mexique!

CREDITS:

Die Zeichnung „Flor de Ojos“ ist von EKOATL, alias Oscar Ehecatl aus Mexico City, ein Free-Lance Artist für Storyboard, Illustrationen und Comics. Link auf seine Deviant-Art-Seite >CLICK  auf bei Artician: >Click

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20 Kommentare zu “Ansichtssache

  1. …. deswegen sind wir damals mit nur 5 Koffern ausgewandert .
    Unser Motto war : wenn schon – dann richtig …. und ALLES hinter uns lassen .

    LG von der Insel

    • Wir hatten 115 Kilo mit beim Umzug Ägypten- Mexiko! Von Seychelles zurück nach Europa waren’s gar nur um die 95 Kg. Das meiste Zeugs waren Sportpokale und PC Sachen vom Junior…. Sonst hätten wir nicht wirklich etwas vermisst.
      GLG nach Isla Margarita!

  2. Ich finde die Geschichte auch toll. Und sie enthält für mich zwei wesentliche Elemente, die vielleicht 2 von 3 Auswanderern, vielleicht auch mehr, vielleicht auch weniger, durch machen, die ich aber richtig gut nachvollziehen kann. Da ist einmal der Aufbruch, die Neugierde, der Wunsch, sich und sein Leben zu ändern. Und dann, ich würde es nicht als Hemweh bezeichnen, sondern als ein Gefühl für seine Wurzeln, der Wunsch, etwas aus der alten Heimat zu erhalten. Beides drückt sich in der Art der Einrichtung aus. Ich bin ja selbst noch nie ausgewandert, kenne aber viele Menschen, die nach Deutschland kommen, um hier für längere Zeit oder immer zu leben. Und bei denen beobachte ich genau das, was Du in Deiner Geschichte beschreibst. Und für mich ist da nirgends etwas negatives zu erkennen.

    • Wer auswandert will seine Umgebung, sein Leben ändern. Für manche stellt das neue Land eine neue Chance dar (z.B. beruflich) aber einige Auswanderer, die ich im Laufe vieler Jahre getroffen hatte, suchten auch ein neues Lebensglück. Viele können jedoch im Ausland nicht von ihren alten Gewohnheiten, ihren Traditionen, ihren anerzogenen Verhaltensmustern loslassen oder zumindest flexibler den neuen Gegebenheiten, dem neuen Rythmus entgegen kommen. Solche Auswanderer geben sich kaum eine Chance, sich gut und problemlos im neuen Land mit neuen Strukturen, Verhaltensweisen und Gebräuchen zu integrieren. Integrieren heisst nicht, seine Wurzeln zu vergessen oder zu verleugnen. Das sollte niemand. Aber ohne Annäherung an die neue Umgebung, die neuen Mitmenschen wird jeder Auswanderer eine Art „Fremdling“ bleiben und sich schlussendlich irgendwann selbst als „Fremdkörper“ fühlen.
      Anke, ausgewandert nach Argentinien, und Erinnye (bist Du auch Expat?) gingen in ihren Kommentaren schnurstraks auf den Container los: dieser brachte ‚das alte Leben‘ in die neue Heimat, oder mit anderen Worten: die alten Möbel konkurrieren mit der Integration.

      Alles wird Gut!

  3. ich finde es bewundernswert wenn mann den umzug so sieht und lebt, ich habe nach ca. 10-15 umzügen, beruflich bedingt, da alle freude verloren, aber meine ehefrau die liebt es . aber der bericht gibt wieder freude daran,nicht das ich noch einen brauche( habe ein jahr in japan auf dem fussboden(futons) geschlafen),weil die möbel nicht kamen.

    • Nach dem drittletzten Umzug schwor ich, NIE MEHR umzuziehen! Naja. Nur
      bei meiner zweiten Auswanderung nach Afrika ging ein Container mit Möbel und Hausrat mit, wissend, dass ich dort kaum vernünftige Qualität finden werde. Nach Mexiko kam meine Familie mit 12 Koffern: Kleidung, persönliche Dokumente, Sportpokale und Computerzeugs. Wir haben nichts vermisst.
      Wie haben die deutschen Möbel in japanische Zimmer gepasst?

      • die möbel passten rein, elektro natürlich nicht,wegen spannung etc. aber das bett war das wichtigste , das passte, denn nachts von futon hoch, war immer eine grosse überwindung, da lernt man dann höhen zu schätzen

  4. Eine wirklich toll geschriebene Geschichte. Ich hatte mir schon alles so schön vorgestellt, die ganzen bunten Deko-Artikel und das mexikanische Kunsthandwerk. Alles farbig und leicht. Und dann kommt das alte Leben gediegen und solide im Container. Man macht es sich ja meistens nicht so klar: aber die Umgebung, in der man sich aufhält oder die man sich schafft, ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebensgefühls. LG

  5. Erst einmal Danke für den Haken an der rechten Stelle – es hat geklappt.
    Die bewurzelte und beäugte Pflanze ist sehr schön.
    Es ist bestimmt wahnsinnig aufregend, so ein Umzug in ein anderes Land. Vielleicht wäre ich unter bestimmten Umständen früher auch dazu bereit gewesen – jetzt fühle ich mich zu alt für derartige Umpflanzungen.
    Lieben Gruß von Clara

      • Dein Design gefällt mir immer besser, je öfter ich es sehe.
        „Gefallen“ allein reicht nicht, man muss es auch bezahlen können. Für eine Person ohne wirklich Geld sind 64 qm nicht bezahlbar. Meine Miete liegt momentan noch bei 508,00, sollte aber jetzt, wird jedoch erst zum Jan. 2014 auf 580,00 steigen. Meine Rente ist bei 780.–, was also nicht machbar wäre, wenn ich das Geld meiner Mutter nicht zur Unterstützung hätte.
        Kommt Zeit, kommt Rat!

        • Clara, hier leben sehr viele US-Rentner, weil sie sich back-home ein vernünftiges Leben auch nicht mehr leisten konnten. 780 Euro sind etwa 13.200 Pesos. Davon leben hier an der Küste einige Rentnerpaare ein ruhiges Leben ohne schon am 20. d.M. die letzten Pesos rationieren zu müssen. Und die, die noch weniger haben, fühlen sich im Landesinneren z.B. am Chapala-See pudelwohl. Dort schätzt man die US-Renter-Community auf über 1000 Personen! Und viele von denen haben im Monat gerade mal so viel Geld zur Verfügung, wie Deine Miete beträgt!
          Es stimmt, was Du sagst: „Gefallen“ allein reicht nicht, man muss es auch bezahlen können!“
          Ich wünsche Dir, dass guter Rat nicht allzu teuer kommt!

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