Atotonilco El Alto – Provinzstädtchen in Jalisco

Der  frühere aztektische Name erzählt in nahuatl von heissen Wassern, und der spanische Anhang „el alto“ davon, dass es ein hochgelegenes Städtchen sei. Rund 55000 Einwohner. Keine besonderen Highlights,  keine berühmten antiken Tempel, Pyramiden, kein Museum, wahrscheinlich noch nicht mal einen heissen Nachtclub, keine Factory-Outlets dort zu finden und Golfplatz hat’s auch  keinen!

Atotonilco el Alto by atoto.com

Trotzdem mache ich mich mit einer kleinen Gruppe befreundeter Mexikaner, Deutscher, Kanadier, auf den Weg.  Warum um alles in der Welt fährt man 6 Stunden lang immer bergauf  bis dorthin? Tja, das hat schon seine bestimmten Gründe.

pinas der Agave Pflanze by Vallartina

Sobald schwer mit pinas beladene LkWs  und Traktoren mit enormen  Ladungen frisch geernteter Maiskolben auf den Anhängern den Verkehr zusammenbremsen, man an etlichen ranchos vorbei fährt, die ersten grossen Lagerhallen landwirtschaftlicher Kooperativen passiert hat, landet man fast unvermittelt in  geschäftigen, engen Strassen.  Laden reiht sich an Laden,  Cantinas dazwischen, cofradías der Tequila-Produzenten, Sattler, Farmacias. Gerne stellt man seine Waren auf den Fussweg, tausend Gerüche ziehen durch die engen Strassen, die Fassaden  bunt, beinahe schreierisch angestrichen, zwei, drei Kirchen. Der obligatorische Zocalo (zentraler Platz der Stadt) grosszügig ausgestaltet, in Form gestutzte Ficus-Bäume spenden etwas Schatten, die unverzichtbaren Bänke darunter bis auf den letzten Platz besetzt, und weil noch die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag anhalten, flattern tausende Fähnchen und endlose grün-weiss-rote Girlanden in der leichten Mittagsbrise.

Atotonilco El Alto, Jal. Zocalo by Vallartina

Atotonilco El Alto, Jal. Altstadt, Mercado central by Vallartina

Der mercado central (Hauptmarkt) mit all seinem Durcheinander an Krims-Krams, Obst- und Gemüsen, Kleidern, bunten Plastikeimern und Schüsseln und allerlei Haushaltsbedarf, aufgetürmten, duftverströmenden  Süssigkeiten von grossen Kinderaugen begutachtet und bewertet, der Schuster bietet Reit- und Cowboy-Stiefel als Massanfertigung in nur wenigen Tagen an. Nein, nicht bei ihm wird man Stiefel und Schuhe bestellten, schon besser im Nachbarstädtchen La Barca, beim Monolito (das Äffchen).  Brauchst Du Harley-Stiefel? Doppelt besohlt? Reit-Stiefel? Ledersohle? Kroko oder Schlange? Oder gar eine gute Kopie der Manolo-Blahnik-Stilettos? Monolito besorgt alles, lieferbar innerhalb 4 Tagen. Ab 500 Pesos.

Nebenan werden Gardinenstoffe vom Ballen geschnitten und unvermittelt landet man beim Metzgerladen und der Geruch von chicharrón  (frittierte  Schweineschwarte)  treibt mich schnell weiter,  während Andere sich eine ordentliche Portion zum Knabbern auf der Strasse einpacken lassen.  Wenige Meter weiter schaufelt eine Verkäuferin Melonenstücken in Plastikbecher, schüttet ordentlich tajín darüber, ich brauch jetzt so etwas.

Um die nächste Ecke sitzt scheinbar eine Grossfamilie an einem groben Holztisch, Oma und die niños befüllen gerade ihre tortillas mit Hühnchenfleisch und mole, einer dicken, dunklen gabelfähigen Sosse, die nach 100 Gewürzen und manchmal wie Weihnachten schmeckt, während die Erwachsenen nopal, die Blätter des Feigenkaktus, von ihren Stacheln befreien und in Streifen schneiden. Ein Berg davon häuft sich bereits auf dem Tisch.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Atotonilco El Alto, Jal. Altstadt

Noch ein bisschen durch die Strässchen geschlendert, zieht es uns buchstäblich in die nächste Cantina. ‚Chatazos‘ sei die Spezialität dieses Wirtshauses.

Eine Sperrholzplatte gleich hinter der Eingangstüre blockiert den Blick von der Strasse ins Innere, dimmt das wenige, durch ein kleines Fenster hereinkommende Licht noch mehr,

Atotonilco El Alto, la cantina by Vallartina

fast stolpere ich über einige Holzkisten mit grossen toronjas (Grapefruit), schlittere noch etwas über den mit Sägespänen bestreuten Boden und setze mich schnell auf den ersten verfügbaren Plastikstuhl, an einen  alten schlichten, blankgescheuerten  Holztisch.

Kaum durchgeatmet, steht schon der Wirt da, bringt frische, hausgeröstete Erdnüsse, kräftig gesalzen, Stücke von Salatgurken und Jicama   mit chili-Pulver bestreut, wischt kurz über die Tischplatte und will wissen, wo wir denn herkommen und ob wir chatazo wollen. Wir wollen.

Atotonilco El Alto, Jal. Chatazo y tequila by Vallartina

Frisch gepresster  Saft von  rosa Grapefruits die heute oder gestern gepflückt wurden,  auf reichlich Eiswürfeln und mit oder mit ohne reichlich Tequila.

Die nächste Runde kommt mit Wiener Würstchen, in Stückchen geschnitten und mit scharfer Salsa roja.

Zeit zu gehen, wir haben ja noch einiges vor….

Weitere Fotos von Atotonilco el Alto

Advertisements

20 Kommentare zu “Atotonilco El Alto – Provinzstädtchen in Jalisco

  1. Pingback: 6400 km Harley-Davidson-Ride durch Zentral- und Süd-Mexiko Teil 4 | Que Onda?

  2. Pingback: Mike und Irma on MexikoTour 2012 Teil 5 | Que Onda?

  3. Kaum zu glauben dass ich in diesem Provinzstädtchen mal einige Monate gearbeitet habe. Immerhin ist hier auch Don Julio, eine der renommiertesten Tequila-Produzenten beheimatet. Nur das Pendeln zurück nach Guadalajara war nicht immer gleich angenehm 😉

  4. Wie schön! Und wie anschaulich du das beschrieben hast! Das ist ein Ort, den ich auch liebend gern einmal besuchen würde! Hoffentlich werden dort in absehbarer Zeit kein heisser Nachtclub, keine Factory-Outlets und auch kein Golfplatz gebaut.
    LG von Rosie
    P.S. Ich bin ziemlich sicher, dass ich mir dort oder im Nachbarort ein paar richtig chice Westernstiefel bestellt hätte!

    • und Du hättest viele Motive für Dein Skizzenbuch vor Augen, Rosie.

      Um Atotonilco mache ich mir keine Sorgen: die Bevölkerung lebt in bescheidenem bis ziemlich grossen Wohlstand, alles ist organisiert, strukturiert und die Gesellschaft ist in ihren Traditionen fest gegliedert. Die brauchen kein ‚Doltsche und Fersatsche‘, die wissen wer sie selbst sind. Und das ist gut so.
      LG

  5. Vielen Dank für diesen schönen Artikel, der allein schon wegen der Beschreibung des Marktes und der Fotos richtig Lust auf Urlaub in Mexiko macht. Sind die Häuser mit den Arkaden alt? Irgendwie Kolonialarchitektur? Und was man mit den Agaven-Früchten macht, würde mich auch interessieren. LG

    • Ja, ich bin diesmal nicht so sehr auf die Geschichte ein gegangen, dachte mir, vielleicht langweilt’s die Leute?
      Nun: kaum hatten die Purépecha-Indianer im heutigen Stadtgebiet ihre Tipis aufgestellt und zu Jagen begonnen, kam schon Nuño de Guzmän mit seinen conquistadores dahergeritten, sagte „alleines meines“, taufte alle, setzte einen Stadthalter ein und galoppierte weiter, um Neu-Spanien gross zu machen. Das war 1530. Ja, man kann durchaus sagen, dass Atotonilco durch die Kolonialisierung geprägt wurde.
      Agave und so gibt’s gleich!
      Tschü..

  6. Ein liebenswerter Artikel, Dankeschön! Es gibt leider nur wenige Möglichkeiten deutschsprachige Posts über Mexico zu lesen. Und was in unseren Medien zu lesen ist, betrifft eigentlich nur Mord und Totschlag und Bandenkriege im Drogenmillieu. Dass es auch eine andere, eine schöne und friedlichere Seite gibt, wird leider ausgeblendet.
    Liebe Grüße aus dem fast schon winterlichen Berlin,
    Elvira

    • Danke, Elvira, dass Du dieses Thema gebracht hast!
      Niemand kann abstreiten, dass es hier in Mexiko den sogenannten „Drogenkrieg“ gibt. Aber, dieser „Krieg“ findet tatsächlich nur im Drogenmilieu statt. Wer hier versucht, im Drogenhandel tätig zu werden riskiert sein Leben. Das stimmt. Aber meine Familie und unsere Freunde, Mexikaner und Ausländer, leben hier ausgesprochen gut! Die Leidtragenden dieses „Drogenkrieges“ sind die Polizisten, das Militär, aufrechte Politiker, die Drogenfahnder: eben diese tapferen Menschen, die beruflich dagegen angehen wollen und müssen. Und nicht zuletzt im schlimmsten Fall ihre Familien.
      Mexiko ist etwa 6 mal so gross wie Deutschland. 13 x so gross wie Österreich. Mein Platz, die Bahía de Banderas ist etwa 1900 Kilometer von den Brennpunkten des Drogenhandels, sprich der nächstgelegenen Grenze zu den USA (denn dort sitzen die Grossabnehmer und Waffenlieferanten en Gros), entfernt, und fast genauso weit entfernt von der Grenze im Süden, zu Guatemala/Mittelamerika.
      Und genauso wie Du, lesen wir hier in der Zeitung bzw. sehen es
      im TV, was sich in dieser Szene abspielt.
      Konkret: Was interessiert es Dich in Berlin, wenn in Istanbul sich Drogenbanden bekämpfen? Nun, Berlin – Istanbul ist in etwa die Entfernung von meiner Stadt nach Ciudad Juarez/USA Grenzübergang, DER sog. schlimmsten Stadt Mexikos. Würdest Du aus Berlin wegziehen, weil in Istanbul sich Drogenbanden bekämpfen?
      Siehst Du, genau so ist das hier. Aber weil alles Mexiko ist, ist Mexiko angeblich kaputt. Aber ist Europa kaputt, weil irgendwo 1900 km von irgendeiner Stadt sich Banden bekriegen? Kann man in Wien nicht mehr Stadtbahn fahren, weil in Berlin so viele Säufer unschuldige, unbeteilige Menschen halbtot oder richtig tot-treten? Kann man sein Kind in Garmisch nicht mehr in die staatliche Schule schicken, weil in Köln/ Duisburg/Berlin X-Berg deutsche Kiddies wie ungeliebte fremdländische Eindringlinge behandelt werden?

      Ganz ehrlich?: Ich bin lieber Ausländer in Mexiko als Deutscher in manchen deutschen Grosstädten!
      Liebe Grüsse zurück ins winterliche Berlin!

      • Diese Relationen sehen leider viele nicht, dabei sind sie sogar im noch kleineren Maßstab übertragbar: „Was, Du wohnst in Neukölln?“, werde ich manchmal gefragt. Und dann antworte ich: „Ja, aber ganz im Süden!“. Eigentlich lächerlich, nicht wahr? Und da wir uns, so wie Du und tausende anderer Menschen, in unserem Wohnumfeld wohl fühlen, müssen wir ständig alles in die richtige Relation setzen.
        Liebe Grüße,
        Elvira

  7. Ein absolut nettes Städtchen und die Leute sind ja wohl mächtig nett! Alles scheint irre sauber zu sein.
    Ich liiiiiiebe frischen Grapefruitsaft und ich glaube, der schmeckt so frisch doppelt so gut. Mindestens!

    Viele liebe Grüße!

  8. Oh Mann! Da läuft mir beim Lesen das Wasser im Munde zusammen. Und was Atotonilco El Alto betrifft, scheint es genau die Art Städtchen zu sein, die ich gern besuchen würde, käme ich nach Mexiko. Scheint sie doch ein Städtchen zu sein, in dem sich das Leben abspielt und auch als solches dem Besucher darstellt. Tausendmal besser als das schönste Baudenkmal der Welt.

    • Ja, liebe Inch, solche Orte solltest Du ganz oben auf Deine Städteliste setzten. Und nicht vergessen, die kleineren Orte in der Umgebung gleich noch mit. Abgesehen davon, erreicht man die Stadt der warmen Quellen innerhalb einer guten halben Stunde von GDL-Süd aus! Sehr angenehm, nicht?

  9. Ein Städtchen ohne Outlet-Store – wie erholsam! Vor fast einer Woche bin ich auf dem Weg nach Bozen im Bus fast aus dem Sitz gekippt – genau auf der Höhe des Brenner Passes hat man am Ufer des kleinen Sees und unterhalb der wuchtig aufragenden Felswände ein unbeschreiblich hässliches Outlet-Center hingeklatscht… 😕
    Herzliche Grüße!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s