Septiambre

Ein schlichtes, weisses Holzkreuz am Mittelpfeiler der neuen Ameca-Brücke erinnert an den tragischen Tod eines Taxi-Fahrers, der beim Einsturz dieser Brücke ums Leben kam: Vor genau einem Jahr wurden wir hier in der Bahía durch den Einsturz der Osttrasse der Ameca-Brücke für einige Monate in einen Ausnahme-Zustand versetzt. Anhaltende heftigste Regenfälle liessen den Fluss aus der Sierra Madre kommend zu einem reissenden Ungeheuer werden, der Mittelpfeiler der Brücke wurde aus dem Flussbett gerissen. Tagelang wurde aus Sicherheitsgründen auch die Westbrücke für jeglichen Verkehr gesperrt.

Die Brücke war und ist die wichtigste Versorgungsstrecke für Puerto Vallarta. Während der Totalsperrung gab es nur noch Verbindung zur Stadt von der Bahía her über eine kleine, schlecht ausgebaute Strasse, die wenige Tage später durch einen Erdrutsch aufgrund der Regenfälle verschüttet wurde. Lebensmittel-Transporte mussten nun über stundenlange Umwege über die einzige Zufahrt von Süden her in die Stadt gebracht werden.  Auswärtige wurden mit Wassertaxis zu ihren Arbeitsplätzen gebracht. Nachbarschaftshilfe und Initiativen von Firmen und Privatpersonen wurden zügig aufgebaut, auch Privatleute stellten ihre Boote als Wassertaxi kostenlos zur Verfügung, Lebensmittel-Sammelaktionen wurden gestartet, die am schlimmsten von den Überschwemmungen und Erdrutschen betroffenen Familien zu unterstützen und sie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Dies war jedoch nur der Anfang einer Serie von massiven Überschwemmungen, nicht nur hier an der Pazifikküste     sondern vor allem auch in den Städten und Bundesstaaten an der Karibikküste und in Zentralmexico.  Zehntausende verloren ihre Häuser, allein bis Mitte September letzten Jahres wurden in Mexiko über achthunderttausend Menschen evakuiert.

Dieses Jahr wurden wir bisher von solch extremen Regenmassen relativ verschont, die Überschwemmungen hielten sich in Grenzen. Aber der September beginnt ja erst.

Septiambre:  Ein Kunstwort aus Septiembre (September) und hambre (Hunger).

Jeder, der hier im Tourismusbereich arbeitet, kennt dieses Wort. Viele wissen sehr genau, dass dieses Wort eine bittere Wahrheit beschreibt. September ist seit jeher der touristenschwächste Monat des Jahres. In den Hotels, Restaurants, Boutiquen usw. werden Angestellte entlassen. Nicht wenige Betriebe schliessen während dieses Monats ganz. Ober, Zimmermädchen, Putzpersonal, Tourguides, Taxifahrer, Verkäuferinnen, Kosmetikerinnen, Friseusen, Mariachi-Bands  usw. werden arbeitslos. Und viele Familien, die aus Chiapas, Oaxaca, Michoacan oder Sinaloa zum Arbeiten hoffnungsvoll nach Puerto Vallarta kamen, müssen wieder zurück. Das Geld reichte ohnehin nur knapp um eine Familie über Wasser zu halten, nun können sie die Miete und die Schulkosten nicht mehr bezahlen. Hier gibt es kein Hartz IV, keine Stütze. Wer während der Hauptsaison keine Rücklagen bilden konnte sieht nun harten Wochen entgegen.

Und selbst wer noch Arbeit hat, fürchtet den Septiambre-Monat, denn die Schäden durch Unwetter an ihren Häusern, Wohnungen, an ihrer Einrichtung frisst nicht selten die letzten Ersparnisse auf, zwingt zu neuen Hypotheken und macht manche obdachlos.

 

 

 

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19 Kommentare zu “Septiambre

  1. Wenn ich das so lese, wird mir wieder einmal bewusst, wie gut wir es in Deutschland haben. Ich habe nie, nicht ein einziges Mal geklagt, als ich Hartz IV bekam, denn ich wusste, es gibt Länder, da wird man nicht so aufgefangen.
    Morgen bringe ich einen Text zu einer Fotoausstellung in Berlin, die diese Gegensätze zwischen arm und reich in der Welt so richtig zeigt.
    Wasser, Feuer, Erdbeben und andere Naturgewalten – für den Mensch einfach schrecklich!
    Lieben Gruß von Clara

  2. Wohl war, wir wollten letztes Jahr um die Zeit nach Oaxaca , wir sind aber nur bis Taxco gekommen, da Oaxaca an vielen Orten mit Überschwemmungen zu kämpfen hatte und in Guerrero hatte es auch nicht gerade wenig geregnet. Und in Taxco selber waren wir sogar alleine in der Pension.

  3. Wie gut wir es hier in „Good Old Germany“ haben! Jeder hat die Möglichkeit zu einer qualifizierten Schulbildung und es gibt eine finanzielle Unterstützung, um das Risiko bei Arbeitslosigkeit zu minimieren sowie bei Krankheit, Pflege und bei der Kindererziehung zu helfen. Klimaveränderungen spüren wir mittlerweile natürlich auch, Überschwemmungen gibt es ebenfalls, aber keinesfalls so gravierend wie in eurem Land. Ich drücke euch die Daumen, dass der September nicht so schlimm wird….
    LG von Rosie

  4. Wir wissen oft nicht, wie gut es uns hier geht. Zumindest was klimatische und finanzielle Angelegenheiten betrifft.
    Werden diese Überschwemmungen auf die Klimaerwärmung zurückgeführt, oder trat das „schon immer“ auf?

    • Heftige Regenfälle, tropische Depressionen, Tropenstürme und Hurricanes treten jährlich während der „Hurricane Season“ im Tropengürtel auf. Die Heftigkeit der Regenfälle und Wassermassen hängt wohl mit dem El Niño- bzw. La Niña-Effekt zusammen. Vergangenes Jahr standen wir in diesen Breiten hier (Puerto Vallarta liegt z.B. auf dem gleichen Breitengrad wie Hawaii, 20°N) unter dem Einfluss der La Niña Strömung. Details z.B. bei Wikipedia. Allerdings hat man früher nie so nah an die Küstenlinie und nie derart die Berghänge zugebaut. Die Flächenversiegelung verstärkt sicherlich die Auswirkungen.
      Gruss

  5. kopf hoch, es gibt danach immer wieder den oct./nov./dec. und es läuft wieder .
    die regenzeit ist eine zeit die man nur mit fatalismus durchsteht und der hoffnung das ende october man wieder anfangen kann.
    das trifft jeden.

    • Es trifft nicht jeden. Ich habe in den vergangenen 3 Jahren ein paar Familien zwangsweise packen sehen, Leute, die man kannte, die man mag. Es trifft die Familien, die gar keine Mittel zum dagegen stemmen haben. Menschen, die nie die Möglichkeit einer qualifizierten Ausbildung hatten usw.
      Und manchmal war ein äusserst ungutes Gefühl dabei, vor allem wenn man selbst in der trockenen Villa sitzt.

  6. Oh je, das ist gar nicht schön, den Monat mag ich eh nicht und trotzdem wünsche ich dir einen wunderschönen Septiambre.

    Herzlichst ♥ Marianne

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