Hundsnächte

Ein kurzer Blick auf die Wettervorhersage reicht,  um mir zu versichern, die nächste Hundsnacht steht bevor! Nicht, dass es mir viel ausmachen würde. Immerhin weiss ich  aus langjähriger Erfahrung, dass mich ganz sicher ein heftiges Gewitter aus dem Tiefschlaf reissen wird. Ich werde mich umdrehen, kurz leise fluchen, und versuchen weiter zu schlafen. Bis dann eben jener  Donnerhammer die Fensterscheiben vibieren, meine Ohren dröhnen und mich aus dem Bett springen lässt.

An Schlaf  ist vorerst nicht mehr zu denken. Also beginne ich meine Nachtwanderung durch’s Haus. Zuerst der Blick aus jedem Fenster: Ah, der Nachbar von gegenüber der Strasse marschiert auch durch’s neugebaute Heim, Zimmer nach Zimmer gehen die Lichter an. Hier hat ja eigentlich jedes anständige Haus einen eigenen Namen, sein nagelneues Haus haben wir „Casa del Agua“ getauft. Irgendwie hat der Gute eine Wasserader im Neubau:  nach jeder Hundsnacht öffnet er im Morgengrauen seine Haustüre, schleppt die davor postierten Sandsäcke über den Rasen und in die Büsche und schiebt mit einem Moosgummi-Wasserabzieher das Wasser zur Haustüre hinaus. Vorgestern morgen wäre er dabei fast von einer Naturstein-Klinkerplatte erschlagen worden: Teile seiner Frontfassade hatte er damit verkleiden lassen, sah hübsch aus, war aber irgendwie schlecht verklebt. Ich denke, nach der Regenzeit steht seine Frontfassade jungfräulich da, dann kann er ja Bruchstein verklinkern. Als Bauunternehmer ist ihm das zwar etwas peinlich, aber seine zerbröselte Fassade spricht nicht gerade für seine professionellen Qualitäten.

Die Nachbarin zur Linken rennt auch besorgten Blickes von Fenster zu Fenster. Es blitzt beinahe ununterbrochen, wir sind von Gewittern umzingelt. Mittlerweile bin ich auf der Veranda angelangt. Der Wind hat den Regen trotz der breiten, tiefen Überdachung bis zu den Gartenmöbeln gepeitscht, nach zweit Schritten geben meine Flipflops seltsame, saugende Geräusche von sich.  Der Nachbar zur Rechten ist auch auf Nachtwanderung. Wir winken uns kurz über die Hecke hinweg zu  und er  verzieht sich schnell wieder;  den Anblick seines Schiesserfeinrippunterhemds hätte ich  in solcher einer Nacht ohnehin nicht gepackt!

Eine neue Bö schiebt gerade eine Gartenliege in den Pool, der ohnehin schon am Überlaufen ist und der Regenspray nässt meine Zigarette ein während ich mir gerade Gedanken über die armen Leute mache, die bei solch einem Gewittersturm unterwegs sein müssen. Letztes Jahr, ein verdammt nasses Jahr, das hier viele Überschwemmungen und Erdrutsche bis hin zum Einsturz unserer wichtigsten Brücke zu verbuchen hat, ging der Witz um „fährst du noch oder schwimmst du schon?“ oder gute Ratschläge vor Autofahrten, wie „pack den Aussenborder ein“ .

Allmählich fühle ich mich wie durch’s Wasser gezogen. Erfrischt, eigentlich.  Überhaupt nicht mehr müde. Es kracht unvermindert und ohne jeden Rhythmus zu den Blitzen. Der Regen prasselt unvermindert weiter.  Ich drücke mich in die hintere Ecke der Veranda und verbrenne mir eine Fingerkuppe beim vergeblichen Versuch, doch endlich einen trockenen Tschik anzuzünden. Mir reicht  es jetzt!

Ich suche nach einem trockenen Handtuch, an Schlafen ist nicht zu denken, also setze mich vor den Fernseher, schalte ein, es flimmert „Mexico’s Next Top Model“ die gefühlte dreiundzwölfzigste Wiederholung, und da – ein greller  Blitz gefolgt von einem irren Kracher – verdammt, der Sensenmann ist da!

Jo Lance, Juror, Mexico's Next Top Model

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9 Kommentare zu “Hundsnächte

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