Ägypten

Auch wenn man nicht mehr in einem Land lebt, gewisse Bindungen bleiben. Aktuell ist Ägypten ein Thema, das mich nicht loslassen will. Natürlich hofft man, dass der relativ friedliche Aufstand dort den Menschen bessere Lebensbedingungen bringen wird.  Aber kann diese Revolution in absehbarer Zeit die derzeit hoch fliegenden Hoffnungen vor allem der jungen Leute, der Familienernährer Wirklichkeit werden lassen?

Erstaunlich zügig und relativ friedlich konnten die Demonstranten vom Tahrir-Square ihren bis dato allgegenwärtig hochgeschätzten Führer und einige seiner Gefolgsleute aus den Ämtern hieven.  Erstaunlich auch, wie souverän neutral sich das Militär verhielt, immer auf „Misr“ ausgerichtet, also auf das Wohlergehen des Landes ohne Rücksicht auf Persönlichkeiten. Nicht wahr?

So, nun will man also in Richtung Demokratie marschieren. Das ist fein. Alle wollen es, alle hoffen es. Zumindest die, denen das Leben bisher nicht die sonnigsten Seiten zeigte. Es wäre sehr zu wünschen, dass auch die Menschen in Ägypten, die einfachen Arbeiter, die Jungen, die Kinder und auch die Frauen mehr Humanität, mehr soziale, wirtschaftliche Zukunft vor sich hätten. Allein, mir fehlt der Glaube.

Ein kleines Beispiel von ganz unten warum es ein sehr langer, sehr schmerzlicher und sehr harter Weg werden wird:

Adan, z.B. arbeitet als Hilfskraft auf dem Bau in einer kleinen Stadt. Er hat Glück, denn da wo er arbeitet, bekommen alle Arbeiter regelmässig ihren Lohn. Das ist selten. Adan verdient 10 EGP am Tag. Davon muss er seine Frau, seinen kleinen Sohn, eine 17-jährige Schwester und seine Mutter miternähren. 10 Pfund sind selbst für die Ansprüche Adans und seiner Familie nicht viel, also bietet er sich noch nach Arbeitsende als z.B. Autowäscher an. Er schafft es bestenfalls zweimal die Woche bei ausländischen Familien vor deren Villa den Autowäscher-Job zu ergattern. Eine Familie bezahlt ihm dafür 5 Pfund, eine andere sogar 10 Pfund. Adan arbeitet immer 6 Wochen am Stück, 6 Tage die Woche. Erst dann leistet er sich die Busfahrkarte für 10 Pfund nach Oberägypten zu seiner Familie. Es ging kurze Zeit gut. Genauer gesagt keine  2 Wochen lang. Dann jedoch wurde ein Wächter der Sicherheitsfirma des Stadtviertels auf seinen Nebenjob aufmerksam. Dieser Wächter verlangte von Adan die Hälfte seines Nebenverdienstes als „Zugangserlaubnis“ in dieses Viertel. Adan verweigerte, wurde zusammengeschlagen, verlor einen Zahn. Der Zugang zu diesem Stadtviertel wurde ihm künftig verweigert. Eine Familie, bei der er als Autowäscher arbeitete, protestierte bei der Sicherheitsfirma, auch bei der, der Sicherheitsfirma übergeordneten Stelle, man antwortete ausweichend. Nun holte die Familie selbst Adan ausserhalb des Bezirks ab, ging mit ihm durch die Sicherheitsschranke: eine halbe Stunde später wurde Adan von der Polizei verhaftet und abgeführt. Er wurde entfernt „strafversetzt“.

Die Hintergründe:

Der denunzierende Wächter am Tor muss seinem „Supervisor“ Meldung von evtl. Nebeneinkünften machen. Der Wächter muss abkassieren. Er muss wiederum den Grossteil der abgepressten Summe an seinen Supervisor, dieser an seinen Kommandanten, dieser an….. abführen.

Dies ist nur ein kleines, unbedeutendes Beispiel für Korruption, Erpressung, Unterdrückung aber sie findet selbst in den untersten Einkommensschichten statt. Dieses Beispiel ist nicht fingiert! Gleiches trifft auch auf z.B. in Hotels entwendete Waren, Hinterlassenschaften der Touristen zu – selbst wenn es nur ein ausgelesenes Buch ist: es wird einkassiert, weiterverkauft, die Erlöse nach oben abgeführt.

Ein anderer Punkt sind die Rechte der Frauen. Heute lese ich z.B. auf der Homepage der Frauenrechtsbewegung  http://ecwronline.org/index.php und begreife, dass auch weiterhin viele, viele Frauen dort nach wie vor ihre Körbe von Balkon abseilen werden, voll verschleiert den vorbeiziehenden Händlern ihre Bestellung hinunterrufen und weiter davon träumen werden, nicht vom Göttergatten in die verdunkelte Wohnung gesperrt, sondern einmal frei und ungezwungen und unbelästigt ihre Einkäufe auf dem Markt erledigen können. Vielleicht träumen auch die jungen Frauen in Kairo davon, nicht mehr ausschliesslich in einem Frauenabteil in der Metro fahren zu müssen, während eine Vorbeterin die gesamte Strecke aufpasst, dass sie gewissenhaft ihre Suren herunterleiern.

Und sicher träumen junge Männer wie Mihael davon, dass sie ihr Philosophiestudium auch eines Tages als Beruf mit entsprechendem Gehalt verwerten können anstatt als Pool-Animateur im Zentrum der Begierde  der Habibi-Jägerinnen zu sein oder als Kellner in einem drittklassigen Café während der Saison arbeiten zu dürfen.

Und wieviele Kopten hoffen nun auf ein Leben ausserhalb Manschijet Nasr, der Abfallstadt Kairos? Auf ein Recht auf Religion?

Es genügt sicher nicht, eine Handvoll Machthaber in ihre Villen innerhalb oder ausserhalb des Landes zu schicken. Es geht darum, uralte, gefestigte, starre, unumgängliche Seilschaften, eingefahrene Strukturen der alten Hierarchie zu brechen. Und das geht kaum innerhalb einer Amtsperiode, geschweige denn einer Übergangsregierung. Wir werden wohl wieder aus Ägypten hören.

Makarona vom ‚El Koshary‘  brachte schon 2009 einen satirischen Artikel über die gewaltigen Klassendifferenzen in Ägypten heraus, wenngleich in englisch – absolut lesenswert! http://www.elkoshary.com/features/egypts-elite-declare-independence-egypt und wie die Geschichte ausging: http://www.elkoshary.com/features/new-country-elite-collapses

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