Quinceañera? Nein? Kalter Krieg!

Ich kann es eigentlich nicht anders bezeichnen: es herrscht kalter Krieg im Hause des Architekten! Warum? Weil die Quinceañera nicht stattfindet.
Das Drama nahm schon Ende letzten Jahres seinen Anfang. Die ältere Tochter des Architekten, „Arqui“ genannt, würde diesen Sommer ihren 15. Geburtstag feiern, ergo war für jeden eigentlich klar: es wird eine riesen Fete geben. So dachte auch Frau Arqui. Ich traf sie Im November in der Stadt, sie war auf dem Weg um mit ihrer Schneiderin die richtigen Stoffe für die festliche  Garderobe der Tochter, und natürlich für sich selbst zu finden. Mit grossen Gesten, leicht erhitztem Gesicht und viel Worten zwitscherte sie über die geplanten Galaroben die sie und ihre Töchter dann vorführen würden. Das grobe Konzept für dieses Event hatte sie schon im Kopf: Kleider, Blumen, Deko alles in weiss und lila, als Thema war an klassisch-römisches Gelage gedacht, vielleicht auch griechisch oder gar Nofretete! 400 Gäste, und und und..

Kurz nach Weihnachten trafen wir uns beim Einkaufen im Supermarkt, wo sie, diesmal mit hektischen Flecken im Gesicht aufgebracht ins Handy kreischte. Irgendwie ging es um den Weihnachtsbaum, den sie tagszuvor wutentbrannt in den Pool geschmissen hatte und den der Arqui wieder aufräumen wollte, sie jedoch darauf bestand, dass er im Wasser bleibt, solange bis er eingelenkt hätte. Als sie wieder etwas zu Atem kam, erzählte sie mir, japsend und schluchzend, dass ihr Mann die Quinceañera-Feier abgesagt habe.
Arqui hatte nämlich ein Problem: die Kosten für eine angemessene Feier würden sein Angespartes komplett aufzehren. Er war wohl über die vergangenen Jahre ziemlich gut im Geschäft gewesen, aber seine beiden letzten Kunden waren „faul“, einer zahlte nur die Hälfte, dem anderen platzte ebenfalls der Kredit und Arqui sass auf zwei fertigen Häusern, die er jedoch nicht ohne Gerichtsverfahren weiterverkaufen konnte. Anwälte kosten genauso viel Geld wie er auch in den vergangenen Jahren für Autos, Fernreisen und feines Leben ausgegeben hatte. Die Schweinegrippe und die Immobilienkrise in den USA liessen Arqui´s Auftragsbuch leer. Seit rund eineinhalb Jahren tut sich nichts, kein Einkommen.
Doña Arqui hat zwischenzeitlich keine ganztägige Haushälterin mehr, Arqui hat seine Sekretärin entlassen, man schränkte sich durchaus ein, selbst der geplante Osterurlaub in Las Vegas und New York wurde gestrichen, man besuchte die Verwandtschaft in Mexico.  Aber Doña Arqui, recht schlank geworden, quält sich zwischen Bügelbrett und Wischeimer, kocht sogar manchmal selbst, bestand weiterhin auf dieser Quinceañera. Die Einwände ihres Gatten, dass dieses und das Fest für die zweite Tochter im nächsten Jahr sie in den finanziellen Ruin treiben würden, kann sie nicht akzeptieren – ihre Töchter haben auch keinen  klaren Blick. Schliesslich gäbe es ja Kredite… So herrscht nun im Haus des Architekten Dauerfrost. Vorwurfsvolle stumm-traurige Blicke treiben den Arqui in sein Büro, wo er einsam auf potentielle Kunden wartet.
Doña Arqui sieht sich als „gesellschaftlich völlig erledigt“. ‚Ich kann mich nirgends mehr sehen lassen, es ist eine Schande! Meine armen Töchter! Ausgegrenzt, ausgelacht, chancenlos!‘

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3 Kommentare zu “Quinceañera? Nein? Kalter Krieg!

  1. Pingback: Fiesta! | Que Onda?

  2. Oh je oh je. Was für ein Druck, wenn man die gesellschaftlichen Spielregeln einhalten „muss/will“. Wie viele Menschen haben diesen Leidensdruck nie erfahren und werden es auch nie? Der Tanz um das goldene Kalb …

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