Heldin oder Hure – Verräterin oder Verbündete?

Mehrmals verkauft, verschenkt, missbraucht. Schön,  intelligent, clever. Wer kann es dieser Frau verübeln, wenn sie ihre Fähigkeiten und Talente einsetzt um ihre Situation, ihr Leben erträglich zu gestalten? Konnte sie Verrat an denen üben, die sie als  junges Mädchen an Fremde verkauften? Musste sie sich nicht auf die Seite dessen schlagen, der ihr „Besitzer“ war? Musste sie ihm nicht ihre Fähig- und Fertigkeiten, ihr Geschick zur Verfügung stellen? Oder hat sie alles nur getan, um Blutvergiessen an dem Volk zu verhindern, von dem sie verstossen wurde?

Malinche, Cortéz, Moctezuma

Als eine von 20 Sklavinnen wurde sie von ihrem Stammeshäuptling an die Eroberer aus dem fernen Land verschenkt, an Hernán Cortéz, weil sie hofften, von den Konquistadoren verschont zu werden. Doch die Soldaten um Cortéz nahmen zwar die als „Brotbäckerinnen“ verschenkten Mädchen gerne, viel mehr waren sie jedoch auf die Schätze der Einheimischen scharf. Eine Auflistung von Bernal Diaz lässt die Gier nach mehr verstehen: 4 Diademe, 2 Masken mit Indio-Gesichtern, Ohrringe, reich verzierte Figürchen wie Echsen, Hunde, Enten und andere Kleinode, zahlreiche gewebte Stoffbahnen und mehr wurden den Invasoren zusammen mit den jungen Frauen und Mädchen übergeben. Gold und Silber  ging an die Obersten, die Mädchen an die Soldaten. Wer konnte da schon ahnen, dass eine unter ihnen, ein etwa 15 bis 17-jähriges Mädchen, bald darauf eine wichtige Rolle in der Konquista spielen sollte!

Ihr Name war Malinali, ihr Vater war  ein cacique, ein wichtiger Mann in seinem Dorf in Coatzacoalcos, der starb als sie noch ein kleines Kind war. Ihre Mutter heiratete wieder, gebar einen Sohn, verkaufte bald danach Malinali an Sklavenhändler und erzählte im Dorf, das Mädchen sei tot. So stellte die Mutter sicher, dass ihr Sohn das Erbe Malinalis antreten konnte.

Der Sklavenhändler verkaufte Malinali an einen Maya Häuptling und dieser wiederum an einen cacique in Tabasco weiter, der sie dann an Cortéz verschenkte.

Die Spanier tauften alle unterworfenen Eingeborenen stets nach einer kurzen Zeit. Aus Malinali wurde Marina, und wiederum wurde sie verschenkt, diesmal an Alonzo de Puerto Carrero.

Cortéz hatte bis dahin einen Priester als Dolmetsch zur Seite, der während seiner Gefangenschaft die Maya-Sprache fliessend erlernt hatte. Doch die Konquista zog weiter, in Gebiete wo fast ausschliesslich nahua gesprochen wurde und Cortéz und sein Übersetzer waren wieder auf Zeichen- und Gebärdensprache angewiesen um sich mit den Indigenen zu verständigen. Doch da war Malinali, alias Doña Marina, sie sprach sowohl maya als auch nahua. Cortéz hatte nicht nur das Verständigungsproblem gelöst, er erkannte auch, dass Malinalis Kenntnisse der der politischen und gesellschaftlichen Strukturen dieser Gebiete ihm grosse Verhandlungsvorteile brachten. So avancierte Malinali, Doña Marina, zur Beraterin und Übersetzerin. Und später, als Alonzo de Puerto nach Spanien geschickt wurde, auch zur Geliebten Cortéz. Die beiden blieben während der Konquista-Jahre zusammen, und er war offensichtlich so sehr von ihr beeindruckt, dass er einmal schrieb „Nach Gott verdanken wir Doña Marina die Eroberung Neuspaniens“ – Cortéz war bekannt dafür, dass ihm selten ein gutes Wort über Andere über die Lippen kam.

Über das Leben Malinalis vor 1519 und nach 1524 ist wenig bekannt. Sie dürfte zwischen 14 und 17 Jahre alt gewesen sein, als sie an die Spanier verkauft wurde. Mehrmals verkauft, verschenkt, missbraucht – sie wurde nicht gefragt wo und wie sie leben möchte.

Wenn sie nun, um ihre Situation zu verbessern, ihre Schönheit und ihren Verstand einsetzte um Cortéz‘ Geliebte zu werden, kann man es ihr verübeln? Machte sie das zur Metze? Er muss sie geschätzt haben, denn er gab zwar sein Einverständnis, dass sie Juan Jaramilla heiratete, doch sie blieb scheinbar seine Geliebte.

Verräterin? An wem hätte sie Verrat üben können? Und wem sollte sie die Treue halten? Mexiko war zu jener Zeit ein zersplittertes Land. Die Stämme untereinander bekämpften sich, alle hassten die Azteken, auch Malinalis Stamm zahlte Tribut an die dominierenden Aztekenherrscher. Sie hatte wohl allen Grund, ihre Mutter, von der sie verkauft wurde, und ihren Bruder, der sie um ihr Erbe brachte, zu hassen. Aber es gibt keine gesicherten Erkenntnisse, dass sie versuchte, ihren Einfluss auf Cortéz gegen ihr Volk einzusetzen. Kaum Zweifel gibt es jedoch an der Tatsache, dass durch ihr Verhandlungsgeschick mit Stammesführern einige blutige Gemetzel verhindert wurden.

Weshalb beschuldigt man sie aber heute des Verrats? Etwa drei Jahrhunderte lang findet man in den Chroniken der Spanier und in einheimischen Schriften nur Hinweise auf Doña Marina oder auf „Malintzin“, ihren nahuat-Namen. ‚Malinalli‘  ist eine Bezeichnung der Náhuatl für einen der 20 Tage des Monats mexicatl, aber auch eine Bezeichnung für eine Pflanze aus der sie Seile herstellten. Sie wurde von den nahuatl auch als ‚Malintzin‘ angesprochen – das Suffix „tzin“ drückt im nahuat Respekt aus.

Erst nach der erfolgreichen mexikanischen Revolution, 1810, begann man sie wenig schmeichelhaft  „Malinche“ zu nennen, eine doppelt negative Beugung des Namens Malintzin. Bis heute steht der Begriff „Malinche“ für  eine Person, die besonders ausländische Dinge bevorzugt und er wurde ein Synonym für „Verräter“.  Natürlich wundert es nicht, dass während der Revolution alles Spanische, allen voran Cortéz, verteufelt wurde. Malinali, als seine Geliebte und enge Vertraute, wurde gehasst. Es mag auch sein, dass sie mehr als ein Stachel im Fleisch für die neuen Männer an der Macht war: eine Frau aus ihrem Volk, die ein williges Werkzeug in den Händen der spanischen Eroberer war. Hatten sie vielleicht auch Bedenken, dass Malinali eine Art Vorbild für ihre eigenen unterdrückten Frauen und Mädchen werden könnte? Und warum sollte sie das nicht?

Auch wenn der Sohn, Martín, den Malinali Cortéz geboren hatte, ganz sicher nicht das einzige Kind war, welches aus Verbindungen mit Konquistadoren hervorging – er, Martín, ist der erste Mestize von dem in den Aufzeichnungen berichtet wurde und Malinali könnte gar als die Mutter der modernen, nachkonquista Mexikaner gelten?

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5 Kommentare zu “Heldin oder Hure – Verräterin oder Verbündete?

  1. Zufällig war gerade vor ein paar Tagen der ‚Weltfrauentag‘ – meine Meinung dazu steht auf einem anderen Blatt. Interessant war, zu erleben wie aktuell dieser Tag hier in Mexico ist!? Am Arbeitsplatz werden Geschenke verteilt, privat wir nicht an ‚Liebesbezeugungen‘ gespart – an diesem Tag!

    ‚Die Frau ist Mutter, Schwester, Freundin, Kameradin, Tochter, Enkelin, Nichte, Vertraute, weiblicher Familienvorstand und Liebe‘ – die Frage, die sich mir stellt: Hat Frau außer dem großen Kapitel ‚Sex & Familie‘ nicht auch andere Interessen und Bedürfnisse?

    Wie ‚modern‘ war Malinche? Im Rahmen ihrer Zeit, hatte sie sicher begrenzte Möglichkeiten. Vielleicht aber hat sie nicht nur Vorteile genossen, die sich durch die Beziehung zu Cortéz ergaben? Es soll ja auch Frauen geben, die der Liebe durchaus zugetan sind und sich nicht nur phlegmatisch benutzen lassen? Wir NeuzeitlerInnen halten es oftmals nicht für möglich, dass es das früher auch schon gab.

    Kritisch betrachte ich neuzeitliche Frauen, die sich selbst fast vergessen, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, altertümlichen Anforderungen zu entsprechen.

  2. Die Schilderung der Geschichte hat mir ebenfalls sehr gefallen. Die Stellung der Frau in früheren Jahren finde ich extrem spannend. Sie hatten es selten leicht und könnten uns noch viel mehr berichten …

  3. Das ist ja spannend geschriebene Geschichte, in der ich mich nicht so auskenne. – Instinktiv würde ich sofort für das Mädchen Partei ergreifen, egal, was sie gemacht ha, wem sie ihren Körper geschenkt hat – letztendlich ist jeder immer nur sich selbst verpflichtet – und bei so einer Mutter muss man auch nicht mehr Rücksicht mehmen auf das Elternhaus.
    Danke! LG von Clara

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