Regenzeit

Seit ein, zwei Wochen steigt die Luftfeuchtigkeit drastisch an, auch die Temperaturen. Gestern nachmittag 33 Grad C und rund 80 % Luftfeuchte, das sind gefühlte 37 Grad. Wohl dem, der in klimatisierten Räumen arbeiten kann. Für die Bauarbeiter und Handwerker, Streife gehende Polizisten, Gärtner und die Tacoverkäufer beginnen jetzt die absoluten „Hundstage“. Alle schwitzen, selbst die Fussgänger laufen Slalom von einem Schatten zum anderen und sogar die freilaufenden Hunde dösen tagsüber nur noch unter den schattenspendenden Ficusbäumen am Strassenrand. Es ist die Zeit der als Sonnenschutz umfunktionierten Regenschirme und der abanicos, der hübsch verzierten Fächer, und des gestiegenen Duschmittel-und Wasser-Verbrauchs.

Es ist die Zeit in der man, sofern möglich, alle Besorgungen erst ab der Dämmerung oder am späten Abend macht, oder aber sich tagsüber viel länger als üblich in den herrlich klimatisierten Supermärkten und Shopping Centers herumtreibt.

Rein statistisch gesehen soll hier, an der Pazifikküste Jaliscos und Nayarits die Regenzeit Mitte Juni beginnen. Klar kann man das nicht an einem bestimmten Tag festhängen, eine 14-tägige Karenzzeit darf man wohl schon ansetzen. Trotzdem, der Regen wird kommen und mit dem Regen auch Überschwemmungen, gewaltige Gewitter mit Starkwind und bisweilen heftigen Stürmen.

Regenzeit Vallarta 2009

Jeder weiss es, sollte man meinen. Aber erstaunlicherweise beginnen erst nach dem ersten zaghaften Regenschauer diverse hektische Aktivitäten: Von einem Tag auf den anderen sieht man auf den Dächern Handwerker herumturnen, Risse im Mauerwerk werden verfugt, beschädigte Fassaden ausgebessert, Flachdächer neu gestrichen. Die Fensterrahmen und –Läden lackiert, Haustüren die seit dem letzten Regenguss des letzten Jahres nicht mehr schlossen werden justiert, Scharniere ausgewechselt, Wasserablauf-Profile angeschraubt, Palapas ausgebessert. Der Umsatz an Silikon und Fugendichtmittel im Baumarkt steigt deutlich an.

Auch die Stadtverwaltung erinnert sich plötzlich, dass letztes Jahr in einigen Wohnbezirken Altvallartas Erdrutsche viele Häuser beschädigten und diskutiert nun in der örtlichen Presse umfangreiche Massnahmen zur Sicherung der Berghänge. Grosses Thema auch, dass die barrancos, die Wasserabzugsgräben von all dem Schutt, Geröll, Geäst welches sich seit letztem Herbst dort angesammelt hat, zu befreien sind. Die Opposition weiss ohnehin, dass dieses Jahr das Krisen- und Katastrophenmanagement der Stadtverwaltung wieder ins Leere laufen wird – naja, sie sprechen aus Erfahrung, waren es doch ihre Volksvertreter die letztes Jahr das Kommando hatten.

Es ist auch die Zeit, in der die Strassen-Ausbesserungstrupps der Kommune anfangen, halbe Strassenzüge der Altstadt, mit Flusskiesel gepflastert, aufzureissen um die während der letztjährigen Regenzeit zerborstenen Oberflächenwasser-Kanäle zu erneuern. Jedes Jahr liefern sie sich hier einen Wettlauf mit dem Beginn der diesjährigen Regengüsse.

Und trotzdem: wir warten eigentlich alle auf den ersten, anhaltenden Regenguss der den Staub von den Bäumen und Dächern wäscht, Boden, Hausmauern, Strassen abkühlt, die Luft rein wäscht, den unverwechselbaren Duft der mit Regenwasser gegossenen Erde aufsteigen lässt und uns selbst eine Abkühlung vortäuscht. Wir werden unsere Regenschirme bereitstellen, die Polster von den Balkon- und Terrassen-Möbel ins Haus holen. Die Kinder von Caloso werden die LKW-Reifenschläuche aufblasen lassen und bei satten Wolkenbrüchen damit die Strassen kreischend und jubelnd hinunterschlittern. Nach ein paar Tagen werden wir schimpfen, dass die neuen, schicken Schuhe nicht mehr trocken werden, die Fönfrisur für die Katz war, das Make-up nicht wasserfest ist. Die Zimmerpflanzen werden in den nachmittäglichen Regen hinausgeschleppt und oft am nächsten Morgen, weil vergessen, von der strahlenden Sonne halb versengt werden. 

Wir werden staunend zuschauen, wie sich die Bahia innerhalb weniger Tage wieder in die pralle, tropische vollblühende duftende Landschaft verwandelt die wir alle so lieben.

Und spätestens im August werden die Gastronomen das Ende der Regenzeit, den Beginn der nächsten Urlaubssaison sehnsüchtig herbeibeten und wir beim Blick auf die Stromrechnung insbrünstig hoffen, dass bald das Ende der Klimaanlagen-Saison naht.

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5 Kommentare zu “Regenzeit

    • Tlaloc ist sauer! TS Blas zieht gerade auf den Pazifik hinaus, Hurricane Celia steht 550 Meilen SSW vor Manzanillo und vor Guatemala formiert sich das nächste anwachsende Tiefdruckgebiet mit Potenzial!
      Was will der denn für Opfergaben? BTW: weiss er nicht, dass er hier für’s Huichol-Gebiet gar nicht zuständig ist?!

    • Blitz – Donner – Wolkenbruch! 2 Stunden lang regnete es gestern abend Badewannen! Strahlender Sonnenschein heute morgen: Jetzt dampft es richtig!
      Gruss aus der pazifischen Sauna!

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