Ausland, Ausländer, Migranten

Es gibt Mitmenschen, die müssen einfach weg. Weg, am besten weiter weg, von dem was andere ihre Heimat nennen, nämlich das Land in welchem sie geboren wurden, aufgewachsen sind. Naja, zu diesen Leuten gehöre ich auch. Irgendwann „musste“ ich auch irgendwie raus aus dieser Heimat, die so viele als eine Art Sicherheit betrachten. Ich bin nicht nur ausgewandert, sondern weitergewandert. Drei Kontinente, sieben Länder, in den ich jeweils einige Jahre lebte. Seltsamerweise war unter diesen Stationen kein einziges früheres „Arbeitsland“, also Länder mit kurzen beruflichen Stints und nur ein „Urlaubsland“, ein Land in dem ich früher nur zum Spass Urlaub machte.  Das Letzte in dem ich gelandet bin, ist bislang das Beste, daran trägt aber auch mein derzeitiger Wohnort bzw. die Region einen entscheidenden Anteil, allem voran die Menschen in der Bahía.

Wahrscheinlich sprechen Typen wie ich immer nur vom „bisher“ letzten Land, eben dem derzeitigen in dem man gerade lebt. Die erste Auswanderung ist immer irgendwie ein Sprung in trübes Wasser. Beim nächsten und weiteren Landeswechseln wird vieles, wie z.B. Umzugsorganisation und Bürokratie-Kram, Integration etc. einfacher. Routine wird das nie – jedes Land hat seine Macken und so manche satte Überraschung parat. Gute Vorbereitung hilft, kann aber nie jedes Detail des Gastlandes erfassen. Man lernt nur, etwas gelassener damit umzugehen, man weiss, es gibt immer einen Weg, man hat doch dazu gelernt, wie man andernorts als Ausländer sich benehmen sollte, ist ja schliesslich schon gelegentlich auf die Nase gefallen und hat lernen müssen, wieder aufzustehen. Man hat auch gelernt, dass es selbst auf einer kleinen verträumten Palmeninsel Widrigkeiten gibt, die das Paradies jäh zerreissen, und dass man als Frau in einem muslimischen Land derart unverschämt auf der Strasse angepöbelt werden kann, dass man krampfhaft nach einem Karatekurs sucht. Aber man lernt auch, dass in Notfall-Situationen der örtliche Arzt, das örtliche Krankenhaus – selbst wenn es im Busch liegt – genauso vertrauenswürdig und im Zweifelsfalle, z.B. bei einer Tropenkrankheit, dem Flug zurück in die alte Heimat vorzuziehen sind.

Wahrscheinlich denkt man im Laufe der Auslandszeit auch  nicht mehr sooo deutsch, ganz abgewöhnen wird man sich so manche streng anerzogene Verhaltensmuster wohl nie, adaptiert aber durchaus einige sehr angenehme Neuerungen aus den Gastländern. So habe ich nach einiger Zeit es vorgezogen, z.B. eine ausgiebige Siesta zu halten anstatt von 13 bis 17 Uhr vor verschlossenen Ladentüren zu stehen, dafür aber ab 20 Uhr zum Supermarkt zu fahren. Oder nach langer erfolgloser Jagd nach Maggi, Knorr und Roggenmehl lieber mit Produkten des örtlichen Marktes zu kochen. In einem bestimmten Land musste ich jeweils ein halbes Schwein kaufen, wollte ich ein paar Schnitzel oder Kotelettes in die Pfanne hauen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da gab es monatelang kein Mehl, oder keine Butter, oder keinen Zement, den wir gerade für einen Erweiterungsbau dringend brauchten. Als dann zwar wieder Butter und Mehl aber immer noch kein Zement und dann wochenlang auch kein Toilettenpapier zu bekommen war und wir solch elementare Bedürfnisse des täglichen Lebens per teuerer Luftfracht-Import abdecken mussten, war es trotzdem Zeit nachzudenken.

Ich vermute, dass ich hier in Mexiko angekommen bin, den Platz gefunden habe, den ich irgendwie immer gesucht habe. Es ist ein Gefühl, vielleicht eine Art Ruhe, die ich eines Tages an mir selbst erstaunt fand. Oder war es so, dass mich „uralt“-Freunde darauf angesprochen haben? Jedenfalls befinde ich mich gegenwärtig in einer Art Ruhephase: ich suche nicht mehr nach neuen Ländern. Diese Ruhe wird hoffentlich lange anhalten, ich würde gerne bleiben. Allerdings wird man im Laufe der Jahre, oder sollte ich sagen, im Laufe der Länder, immer weniger kompromissbereit. Kann durchaus subjektiv sein, aber da ich schon einige andere Umwanderer mit gleichen Symptomen getroffen habe, könnte diese Haltung durchaus verbreitet sein. Man weiss eben, „andere Länder haben auch schöne Plätze und was zu bieten“ und so ist die Bereitschaft, bei kumulierten Fluch-Attacken sich schnell an den Computer zu setzen, nach bisher unberücksichtigten Ländern zu suchen, Informationen zu sammeln, sehr hoch. Einmal in diesem Stadium, weiss ich, dass ich bald wieder einen Immobilienmakler beauftragen und am Container packen sein werde.

Natürlich trifft man „unterwegs“ in diesen verschiedenen Ländern in Europa, Afrika, Amerika auf viele Aus- und Umwanderer verschiedenster Nationen. Egal an welchem Ort man gerade lebt, nach ein paar Jahren sieht mal schnell, wie lange die neuen Auswanderer-Gesichter im Lande sind. Die hektische Euphorie der ersten Wochen sieht man Vielen von weitem an. Trifft man sie einige Monate später wieder, ist manchmal nur die Hektik in ihren Gesichtern geblieben, die Euphorie wich dem Kompromiss oder gar der Resignation. Manche kommen mit kühl kalkulierten Geschäftsplänen, keinesweg unvorbereitet, gutem Finanzpolster und scheitern an der für sie unverständlichen Mentalität in ihrem Gastland, unfähig, sich auf diese andere Art Geschäftsgebaren einzustellen, platzen bald die Träume vom Big Business. So mancher Zeitgenosse glaubt, sein Hobby im Ausland zur gewinnträchtigen Selbständigkeit ausbauen zu können, aber nicht alles, was im Heimatland auf Zuspruch trifft, wird im Ausland gebraucht. Andere kommen mit nichts, ohne grosse Illusionen, schuften sich aber trotzdem durch’s Leben, lernen was Flexibilität wirklich heisst und bleiben, zufrieden oder glücklich.

Ich traf auch die „Vorruheständler“, die nicht ins Ausland gingen um dort zu arbeiten, sondern um im neuen Land ihrer Träume die „besten Jahre ihres Lebens zu verbringen“. Nicht wenige sitzen dann täglich im Kneipen-Ghetto ihrer Landsleute und saufen sich ab dem späten Nachmittag das Leben schön. Manche Er oder Sie erliegen dem Charme der Einheimischen und Haus, Auto, Boot unterliegen dann später dem Scheidungshammer. Es gibt auch noch die Auswanderer mit langjährigem Erfahrungsvorsprung und guten Sprachkenntnissen des neuen Traumlandes. Viele trifft man nicht so ohne weiteres, denn sie haben ein „nationales“ Umfeld, brauchen die Kneipen-Treffs ihrer Landsleute nicht, gehen ihren Geschäften nach. Und manche von diesen die man leicht antrifft und die stets eine hilfreiche Hand anbieten sind wohl verantwortlich zu machen für das alte Sprichwort „Gott bewahre uns vor Hagel, Flut und Wind und den Deutschen, die im Ausland sind“.

Unterwegs habe ich auch einige Ex-pats anderer Nationen kennengelernt, die mir besonderen Respekt abgenötigt haben, von denen ich viel lernte und auch solche, die mir deren Heimatland, ihre Religion und ihre Kultur sympatischer und vor allem viel verständlicher machten. Mit einigen, die genauso wie ich weitergezogen sind, besteht noch immer ein freundschaftlicher Kontakt über die Kontinente hinweg.

Der Schlüssel zur ‚neuen Heimat‘, zu einem guten Lebensplatz, sind für mich immer die Einheimischen; das Salz in der Suppe eines jeden Gastlandes. Ohne sie geht auch im Leben des Ausländers nichts. Weder in Mexiko für mich, noch für einen Ausländer in Deutschland oder Österreich, usw. Er kann nicht in deren Land leben, nicht gut leben, ohne sich mit den Hausherren verständlich zu machen, dessen Sprache zu sprechen.  Und nicht zuletzt hat in den meisten Ländern der Begriff ‚ Nachbarschaft‘  wesentlich mehr Bedeutung als nur ein paar Häuser in der gleichen Strasse.

Übrigens: Wer dies las und bemängelt, dass ich mich und andere als Ausländer bezeichne, hat auch nicht verstanden, warum ich von meinen Gastländern spreche. Ich bin nun mal kein Mensch mit Migrationshintergrund, ich bin deutsch und lebe in Mexiko, ergo bin ich Ausländerin. Hier ist dieser Begriff kein Schimpfwort! Hier werde ich als Ausländerin behandelt, con todo respeto, genauer gesagt: mit dem gleichen Respekt, den ich meinen Gastgebern entgegen bringe. Und das ist gut so!

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4 Kommentare zu “Ausland, Ausländer, Migranten

  1. hallo vallartina,
    diesen post hatte ich heute in meinem blogroll und habe so wieder etwas mehr über dich lesen können 😉 respekt, da hast du ja schon einiges durchlebt! ich wünsche dir und den deinen, daß du dich weiter richtig gut fühlst und deinen platz in der welt gefunden hast!
    liebe grüße aus meiner zweiten heimat (umgezogen bin ich sehr viel mehr)

  2. Hallo destello,
    zunächst einmal: willkommen auf unserem Blog, schön Dich hier zu finden!
    Mit den neuen Ländern ist es ähnlich wie mit einer neuen Stadt, nur etwas fremder – zunächst. Es geht viel, man muss nur kräftig anschieben und durchhalten. Und nein: Gastronomie findet nur in meiner eigenen Küche statt.
    Schau mal wieder rein!
    Tschüss!

  3. Wie hast du das gemacht, in jedem Land geschäflich Fuss zu fassen? Ähnlich wie Mike, der in jedem Land ein neues Restaurant wieder eröffnet hat?

  4. Hallo destello, freute mich Deinen Namen hier zu sehen.

    Vallartina, sehr gut reflektiert. Du bist ein Typ (wie Du so schoen sagtest), der einen Teil Deines Lebens verbrachte „weiterzureisen“ Sicherlich sehr interessant …. Und jetzt bist Du in der Bahia, ich denke dort hast Du alles um jetzt mal abzusatteln. Es gibt sicher Laender u. Plaetze die auf ihrer Art interessant u. herausfordernd sein koennen, abe jetzt ALLE durchzuleben, dafuer wuerden nicht einmal 500 Jahre dazu ausreichen. Und den „perfekten Platz“ gibt es wahrscheinlich nirgends. Also BIENVENIDO EN MEXICO, und wenn es dann noch ein so schoener Ort wie PV ist …..

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