Huichol – Die Entstehungsgeschichte der Erde

“Hier sehen wir die Welt, aber wir wissen nicht wie sie geboren wurde und wie sie durch Kauyumarie – der Geist des Hirsches, Seele der Götter –  aus einer Frau geformt wurde.”

(Übersetzung der Inschrift auf der Rückseite des Bildes von José Benítez Sanchez, Schamane und Künstler)

Garnbild:  José Benítez Sánchez (1938-2009)/ Foto: Lloyd Patrick Baker

Die Entstehungsgeschichte der Erde

Eine Legende der Huichol, dargestellt im Stickbild von José Benítez Sánchez

Für die Huichol (wixaritari) war die Erde eine Frau, Tatéi Yurianaka, die in der ersten Welt von Watetüapa lebte. Dort, in dieser Welt fragte Kauyumarie (der Geist des Hirschen) sie, ob sie auch eine Welt sein möchte, eine Welt, die vielfältig und von den wichtigsten Göttern bewohnt würde. Kauyumarie erklärte, durch seine Macht würde sie wie eine Kalebasse, eine Kürbisschüssel, werden welche wiederum die Grundlage der Welt sei. Tatéi Yurianaka willigte ein und Kauyumarie kroch in ihren Leib, der sich ausdehnte, als wäre sie schwanger.

Kauyumarie ist im Bild (oben Mitte) als Hirsch-Mensch mit einem Ball abgebildet, der Tatéi Yurianakas Bauch darstellt. Er säht die Samen der Früchte und Pflanzen die unser Leben erhalten. Im Zentrum hat er die ersten Pflanzen gepflanzt die die Menschen sammelten bevor sie den Anbau lernten: Pilze, wilde Zwiebeln und Tomaten, Chili-Schoten, guajes (ein Gemüse) und zwei Arten nopal (Feigenkaktus). Er brachte auch kawi (essbarer Wurm)  und einen Leguan mit, Speisen für seine „Engel“, die künftigen Huichol. All dies brachte Kauyumarie von der Ersten Welt  (Lavendelfarbenes Feld) in seinem Korb auf die Erde mit.

Kauyumarie brachte auch Helfer mit. Tatewarí, der Herr des Feuers (links im grünen Feld), verantwortlich für den Hirschen. Der Hirsch, dessen Fleisch auch ein Nahrungsmittel war, ist Tatewarís besonderer Begleiter, da sein Blut die Seele Kauyumaries nährte. Tatewarí, der das Essen zubereitet, hat ein heiliges Messer in seiner Hand. Dieses Ritualmesser symbolisiert auch die Bösartigkeit seiner Flammen. Auch um seinen Kopf, der mit Feuerfedern geschmückt ist, sehen wir Flammen. Unter seinen Armen sind yakway, zwei kleine Kalebassen gefüllt mit Tabak. Er schreitet über Blumen, wie auch die andere grosse Gottheit, Taweviékame, die Sonne (dargestellt auf der gegenüberliegenden Seite des Bildes). Der Hirsch ist Maxayuavi, der Blaue Hirsch, der Ahn unseres Hirschen.  Sein Kopf ist zu einem Wasserloch geneigt, von dem er trinkt.

Taweviékame, die künftige Sonne, ist verantwortlich für den Truthahn, dessen Blut ihm geopfert wird. Blaue Lichtbögen strahlen aus seiner Hand, aus einem Gefäss oberhalb dieser Hand fliesst ein Brei aus rohem Mais, die Nahrung der Geister.

Unten im Bild (rosa Feld) stehen Pariya (rechts), der Geist der Morgendämmerung im Land des Peyote, und (links) Vieruku Temaiko, der Junge Geier als Mensch dargestellt, der die Heiligen Plätze bewacht. Neben ihnen sind die Ratte und das kleine Eichhörnchen der Sierras, beides Nahrungsmittel für die Huichol. Das Eichhörnchen ist für die Pilgerwanderung zum Land des Peyote im Osten ausgestopft, wo Pariya leben wird. Urrawiki, ein Sperling ist ebenfalls auf diesem Bild dargestellt.

Die Welt ist von Wasser umgeben. Aus der Gischt der Meere tauchen vier Adler auf, die die Erde bewachen. Jeder Adler ist Bewacher einer der vier Ecken der Erde. Bei ihrer Geburt bilden sich die ersten Federn, aus denen magische gefiederte Pfeile gefertigt werden die mit den Geistern der Welt sprechen. Die Adler symbolisieren das Leben im Wasser in den vier Ecken der Welt. Dann, später, wird sich der Himmel über der Erde bilden, das wird dann Taheimá sein, die Dritte Welt.

Kauyumarie sitzt auf seinen uwén, einem heiligen Stuhl, der all seine Stärke und Macht enthält. Seine Energie dehnt den Bauch Unserer Mutter Feuchte Erde über die Welt aus. Ihr Bauch ist wie eine Gebetsschale, gefertigt aus einem Kürbis.

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2 Kommentare zu “Huichol – Die Entstehungsgeschichte der Erde

  1. Pingback: Käfer-Kunst | Que Onda?

  2. eine sehr schoene Interpretation dieses Huichol Kunstwerks. Eine Cousine meiner Frau macht es sich seit 20 Jahren zur Aufgabe den Huicholes in der Sierra von Jalisco/Zacatecas zu helfen. Machte auch eine kleine Herberge in GDL wo sie eine Nacht verbringen koennen oder kostenlosen medizinischen Service empfangen. Diese Frau ist oft wochenlang in der Sierra bei den Huicholes, einen Teil der Hilfe bezahlt sie aus ihrer eigenen oder von Freunden Taschen, ein anderer (sehr kleiner Teil) kommt von der Regierung aus Jalsico. Sie spricht auch Nahuat.

    Sie erzaehlte mir mal, dass jedes Jahr in der Sierra ein grosses Fest (nur) unter den Huicholes statt findet, es wird sehr religioes mit Peyote. Das Fest dauert eine Woche. Seit drei Jahren versuche ich von der Cousine auf dieses Peyote Fest eingeladen zu werden, natuerlich nur um Fotos zu machen …. no way, die Huicholes bleiben bei diesem fuer sie sehr wichtigem Fest nur unter sich – keine Fremden, noch weniger Kameras. Ich verstehe das auch voll, man soll diese Traditionen nicht stoeren, noch weniger ein Nicht-Indianer ….

    Vor zwei Jahren machte mir ein Huichol mal eine „limpia“ Es dauerte lange, vielleicht eine halbe Stunde, er sass, stand u. kniete vor mir u. mit verschiedenen Vogel-Federn kreiste er meinen ganzen Koerper ab, die meiste Zeit im Brustbereich, der Kopf interessierte ihn so gut wie nicht. Dazu murmelte er permanent Sachen in Nahuat, gesprochen oder im sing-sang. Als er fertig war u. ich aufstand fuehlte ich mich irgendwie anders … aber sauwohl …. Meine Frau welche die ganze Prozedur sah, sagte mir dann nachher, „ob Du jetzt aus dem ganzen was positives ziehst, liegt ganz alleine bei dir – der eigene Geist ist viel staerker als wir glauben u. kennen – das positive liegt immer nur ganz exclusiv bei einem selber ….“

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